Karsten Tichelmann, Foto: Tom Gundelwein
Karsten Tichelmann, Foto: Tom Gundelwein

Wir haben in Deutschland ein Wohnraumverteilungsproblem: auf der einen Seite einen großen Bedarf an kostengünstigem Wohnungsbau, auf der anderen Seite einen erheblichen Leerstand. Karsten Tichelmann (Tichelmann & Barillas Ingenieure, Darmstadt) bringt einen neuen Aspekt hinzu. Für ihn kann die Lösung des Problems die Aufstockung von Dächern sein.

Tichelmann ist Professor für Tragwerksentwicklung und Bauphysik an der Technischen Universität Darmstadt und Vorstandsvorsitzender des Fördervereins der Bundesstiftung Baukultur. Er befasst sich mit seriellen und modularen Bauweisen: leichten Konstruktionen auf Basis von Stahl-, Alu- oder Holzskeletten, die vorgefertigt geliefert oder aus flächigen Modulen auf der Baustelle montiert werden. „Mit einfachen Strukturen lässt sich der Gebäudebestand verändern und verdichten,“ so Tichelmann. Die Nachverdichtung habe unter ökologischen und baukulturellen Gesichtspunkten einen hohen Stellenwert.

Mit dem Pestel-Institut hat Tichelmanns Lehrstuhl eine gemeinsame Studie zum „größten Bauplatz Deutschlands“, den Dachflächen, erarbeitet und mit sehr großer Resonanz veröffentlicht. Es wurde ein Potenzial von 1,5 Mio. neuer Wohnungen durch Dachaufstockungen ermittelt. Dafür müssten 180 - 250 Mio. m², das wären 35.000 Fußballstadien, versiegelt werden. Die Studie analysiert, wo in Deutschland sich Dachaufstockungen lohnen und welche Dachflächen geeignet sind. Sie begrenzt das Potenzial auf Nachkriegsbauten bis in die 1980er Jahre und beleuchtet Gebäudetypologien von Mehrfamilienhäusern mit mindestens sechs Wohneinheiten.

Aber warum aufstocken statt klassisch nachverdichten? Würden Baulücken, Freiräume oder Innenhöfe bebaut, schwinde die wertvolle Ressource Fläche. Zusätzlicher Wohnraum werde zwar geschaffen, aber dies oft zu Lasten des Grünraums und damit der Freizeitflächen der Bewohner eines Quartiers. Außerdem würden kostengünstige Wohnungen in der Regel dort gebraucht, wo keine Grundstücke vorhanden seien.

Die Vorteile von Aufstockungen überwiegen für Tichelmann. Allem voran die Vermeidung der zusätzlichen Flächenversiegelung. Die vorhandene Infrastruktur und Erschließung werden genutzt, der Bestand profitiert von einer energetischen, technischen, architektonischen und ökonomischen Verbesserung. Zudem strahlen Aufstockungen in das Quartier aus: Der Standort wird attraktiver, durch eine Steigerung der Bewohner wird auch die Ansiedlung von „haushaltsnahen Dienstleistern“ wie Friseur, Arztpraxen und Einzelhandel interessant.

Diskutieren ließe sich die urbane Dichte des Quartiers, und zu prüfen seien die baurechtlichen Rahmenbedingungen und das Tragvermögen der Bestandsgebäude.

Tichelmann möchte keine Aufstockungen um jeden Preis, sondern nur „wenn sie eine baukulturelle und technische Verbesserung“ für das Gebäude, die Nachbarbebauung und das komplette Quartier bringen.

Sein Appell: „Serielle und modulare Bauweisen dürfen nur dort Anwendung finden, wo sie individuell und intelligent geplant werden – und nicht wie Brötchen aus der Fabrik angeliefert werden.“

Kim Ahrend 

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