Amalia Barboza, Urs Kumberger, Barbara Renno, Heiko Lukas; Foto: Iris Maurer

Das Publikum der Veranstaltung der Stiftung Baukultur Saar bildete am Abend des 6. September einen „Gemeinschaftsraum“. So die These von Amalia Barboza, Kulturwissenschaftlerin an der Universität des Saarlandes. In ihrem Impulsvortrag „Wie zusammen leben – Das Verlangen nach Gemeinschaftsräumen“ erläuterte sie bildhaft, wie Menschen durch die Nutzung „unterschiedlicher Medien der Kultur“ wie lesen, schreiben, tanzen, singen oder eben zuhören einen gemeinschaftlichen Raum bilden.

Ihre Gedanken leitet sie von der wissenschaftlichen Betrachtung der Ernst-May-Siedlungen in Frankfurt am Main ab. Dem damaligen Baudezernenten war es in den 1920er- Jahren wichtig, die Bewohner durch einen gemeinsamen Wohn- und Architekturstil zusammenzubringen. Gemeinschaftshäuser und Gemeinschaftsläden boten Raum für Kreativität. Solche Räume der Kultur spielen immer noch eine entscheidende Rolle beim Zusammenbringen von Bürgern. Dabei denkt Barboza nicht an „Hochkultur“, sondern auch an Vereinshäuser, in denen Menschen mit gleichen kulturellen Interessen zusammenkommen. „Räume der kreativen Produktivität entstehen heute in der Stadt auch spontan. Wir müssen diese Entwicklung nur beobachten und helfen, sie weiterzuentwickeln“, führte die Kulturwissenschaftlerin aus. Dabei zeigte sie ein Bild eines öffentlichen Tanzes in einer U-Bahn-Unterführung in Frankfurt. Neben dem Schaffen von Begegnungsräumen bestehe ebenso das Verlangen nach Räumen des Rückzugs, insbesondere im öffentlichen Raum.

Um die Abgrenzung Rückzug und Privates zum öffentlichen Raum ging es in der ersten Frage des anschließenden Podiumsgesprächs. Moderatorin Barbara Renno, Kulturredakteurin beim SR 2 KulturRadio, fragte Amalia Barboza sowie die beiden Podiumsteilnehmer Urs Kumberger, Architekt aus Berlin und Heiko Lukas, Baudezernent der Landeshauptstadt Saarbrücken, wo für sie persönlich der öffentliche Raum beginne. „Öffentlicher Raum ist dort, wo ich mit anderen Menschen in Kontakt treten kann“, antwortete Urs Kumberger. Der Architekt vom Büro Teleinternetcafe sieht das Schaffen von gelungenen Gemeinschaftsräumen durch die Beteiligung der Bürger. Hier sei Offenheit sehr wichtig, um einen dialogischen Diskurs anzustoßen. Den Diskurs suche auch die Stadt Saarbrücken, so Baudezernent Heiko Lukas. Bei der Ausweisung von neuen Wohngebieten versuche die Stadt, die unterschiedlichen Interessen von Investoren, Bürgern und Bauinteressierten zusammenzubringen. Bei Informationsveranstaltungen trete die Stadt als „Mittler“ auf. Um eine qualitätsvolle Architektur zu bekommen, die von allen Beteiligten angenommen wird, führt sie einen offenen Diskurs mit Bauausschuss, Stadtrat, Gestaltungsbeirat, aber auch Bürgerinitiativen.

Barboza warnte davor, „am Ende bekommen die, die am meisten Geld haben, die Möglichkeit zu bauen“. Dies sei in Frankfurt Realität. Auch Lukas ist der Meinung, der Geldbeutel dürfe nicht entscheiden, wer im Zentrum wohnt. Er hob hervor, Quartiere zu durchmischen. Diskutiert werde eine Quote für den sozialen Wohnungsbau. Kumberger führte als Möglichkeit auf, Genossenschaften zu bilden, um eigene Vorstellungen umsetzen zu können.
So geschehen im „Kreativquartier“ in München, wo Künstler, Designer und andere Kulturschaffende mitten in München zusammenkommen.

Konsens auf dem Podium und auch der Wortmeldungen war, dass es sowohl Eigeninitiative, aber auch dem konstruktiven Zusammenspiel mit der Politik bedarf, um adäquat in einer Stadt – aber auch auf dem Land – gemeinsam leben zu können. „Gemeinschaft muss gewollt werden“, fasste die Moderatorin Barbara Renno das Gesagte zusammen.

Text: Kim Ahrend