Am 23./24.06.2018 erschien der Artikel „Arbeiten an der Städte-Verschönerung – Wieviel Baukultur braucht das (Saar-)Land? Ein Abend mit Ministerpräsident Tobias Hans und dem Stadtplaner Jörn Walter“ in der Saarbrücker Zeitung. Wir danken Christoph Schreiner für die Erlaubnis, den Artikel abdrucken zu dürfen.

Man muss das zumindest eine politische Akzentverschiebung nennen: Der neue Ministerpräsident hat, wenn die Zeichen nicht trügen, erkannt, dass Baukultur für die Zukunft des Saarlandes eine essentielle Rolle spielt. Während seine Vorgängerin in dieser Hinsicht nie öffentlich in Erscheinung trat, hielt Tobias Hans zum Auftakt der diesjährigen Vortragsreihe der Stiftung Baukultur Saar am Donnerstag im Saarbrücker VHS-Zentrum nicht nur ein nettes „Impulsreferat“. Nein, Hans lehnte sich weit aus dem Fenster, als er kundtat, dass das Land sich unter seiner Führung zu „Kultur und Architektur-Wettbewerben bekennt, weil unsere Städte und Gemeinden ein Gesicht haben müssen“. Er hat wohl verinnerlicht, dass das Image des Saarlandes auch mit dessen „optischer Attraktivität“ (Hans) steht und fällt. Dass da hierzulande viel, sehr viel Nachholbedarf besteht, sollte unstrittig sein. Aber werden Hans’ Worten auch Taten folgen? Wie denn bei derart leeren Kassen? Und derart vielen Baustellen.

Städtebau und damit Gestaltungsfragen sind, diese Botschaft scheint beim neuen CDU-Ministerpräsidenten angekommen, längst nicht mehr ein weicher, vielmehr sind sie ein sehr harter Standortfaktor, weil Ansiedlungspolitik untrennbar mit Lebensqualität, dem Gesicht der Orte verbunden ist. Dass, wie Hans erwähnte, heute mehr junge Leute das Saarland verlassen, als man umgekehrt hinzugewinnt, könnte damit in Zusammenhang stehen. Ist das Saarland (nein, natürlich nicht überall) zu unattraktiv, zu wenig hip für urban tickende Jüngere?

Nachholbedarf sieht Hans auch hinsichtlich der in die Jahre gekommenen, letztlich bis 1990 zurückreichenden Landesbauordnung. Weshalb er diese daraufhin abklopfen lassen will, ob und inwieweit sie aktuell „mehr hemmt als fördert“. Ausgemacht ist für den neuen MP, dass die Bauordnung „investoren- und bürgerfreundlicher“ werden müsse – Letzteres etwa im Hinblick darauf, dass Bauanträge künftig in digitaler Form einreichbar sein müssten.

Was Hans wohl aus dem anschließenden Rundumschlag des langjährigen Hamburger Oberbaudirektors Jörn Walter mitgenommen haben wird? Walter, der in seiner Hamburger Zeit (1999-2017) Großprojekte wie die Hafencity-Erweiterung, die Elbphilharmonie und das IBA-Projekt im Problembezirk Wilhelmsburg zu stemmen hatte, nahm sich in seinem „Stadtversprechen in Zeiten des Wachstums“ betitelten, ebenso launigen wie anregenden Vortrag just nicht zuletzt die Verhängnisse des überbürokratisierten deutschen Baurechts zur Brust. Obwohl die Nachverdichtung eines der drängendsten Themen im Städtebau sei, hintertreibe das Baurecht diese „innere Verdichtung“ auf teils aberwitzige Weise. Etwa, indem das Verhältnis von Grundstücks- und Geschossflächen viel zu rigide auf Basis eines rein bürokratischen Verhältnisschlüssels festgelegt werde. Auf den Punkt gebracht: Ob im Umfeld eines Grundstücks X ausgedehnte Grünflächen vorhanden seien, spiele für die Festlegung der Größe der bebaubaren Grundstücksfläche keinerlei Rolle. Die aus den 50er Jahren stammende, Nachverdichtung insoweit vielfach torpedierende „Kerngebiet“-Satzung verkennt nach Walters Einschätzung völlig, dass der Boom der Städte die Nachfrage nach Wohnraum dort inflationär ankurbelt.

Von dem von ihm skizzierten „Hamburger City-Modell“ mit seinem idealiter konsequenten „Drittelmix“ (ein Drittel sozialer Wohnungsbau, ein Drittel frei finanzierter Wohnungsbau!, ein Drittel Eigentumswohnungen) kann man im Saarland nur träumen. Der soziale Wohnungsbau ist hier derzeit quasi nicht mehr existent. Walter machte klar, dass dessen Förderung gesellschaftlich unerlässlich sei. Mehr noch: Er hielt (im Beisein des saarländischen Regierungschefs) ein flammendes Plädoyer für eine auf soziale Durchmischung setzende Baupolitik: „Sozial durchmischte Quartiere sind eine absolut zentrale Aufgabe.“ Genauso wie die Aufwertung all jener monotonen Wohnsiedlungen der 50er und 60er Jahre, die als Sanierungsfälle in vielen Städten „unser Erbe“ seien – Erbe meinte er im Sinne von Hypothek.

So wie Stadtwachstum und Nachhaltigkeit einander in Walters Sicht nicht ausschließen, weil Nachverdichtung besser ist als Ressourcenverschwendung mittels Ausweisung immer neuer Wohn- und Gewerbegebiete auf der Grünen Wiese, so erkennt er auch ein Wechselverhältnis zwischen Dichte und Mischung – bezogen auf Wohnen und Gewerbe. In der Hamburger Hafencity legte man daher fest, dass im Erdgeschoss jedes Neubaus Gewerbe anzusiedeln sei – um die Viertel zu beleben und Verkehrswege zu verkürzen. Die alte Denke, dass Gewerbe nicht ins Stadtinnere gehört, hält Walter für völlig antiquiert – die Lärmemissionen in Betrieben seien heute sehr gering und vorrangig nur der Lieferverkehr ein Problem. Die Lärmschutzauflagen aber stammten oft noch aus den 60ern, was vielfach Wohnungsbau im Umfeld von bestehendem Gewerbe verhindert – so wie gerade etwa in Saarbrücken auf dem alten Becolingelände.

Zuletzt fragte Walter sich und uns, wieso so viel Hässliches zu sehen ist in Städten. Mit seiner Antwort dürfte er den Nagel auf den Kopf getroffen haben: Weil sich Baukultur und Lebensqualität „in dem ganzen System von Kosten und Ertrag auf Bauherrenseite nur schwer messen lassen“. Wovon aber hängt ab, ob wir uns in Städten wohlfühlen? Von ihrer Schönheit, ihrem Erlebniswert, Freiflächen, Sozialorten (Parks, Sportanlagen, Kulturzentren, Bildungsstätten). Die Erfahrungen, die Walter im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Problembezirk Hamburg-Wilhelmsburg machte, sind da vielsagend: Anfangs sei den Bewohnern die Baukultur, die man per IBA für sie realisierte, „völlig egal gewesen“. Inzwischen wüssten sie den Wert zu schätzen, „dass gut und schön gebaut wird“.

Christoph Schreiner, SZ