Referent Heinz-Josef Klimeczek im Gespräch mit dem Publikum; Foto: Janina Wolf
Referent Heinz-Josef Klimeczek im Gespräch mit dem Publikum; Foto: Janina Wolf

Für die meisten ist „Umweltgerechtigkeit“ ein neues Thema, das noch schwer zu fassen ist. „Sozial benachteiligte Bürger sind oftmals in ihrem Wohnumfeld gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen wie Verkehrslärm und Luftschadstoffen ausgesetzt. Oder es sind schlicht zu wenig Grünflächen vorhanden,“ versuchte Kim Ahrend, stellvertretende Geschäftsführerin der Architektenkammer des Saarlandes (AKS) es in ihrem Grußwort zu umschreiben. Eine Durchmischung von Nutzungen und sozialen Schichten sowie Partizipation der Bewohner sei vonnöten. 

Eine Begriffsdefinition gab Referent Dr.-Ing. Heinz-Josef Klimeczek in seinem nachfolgenden Vortrag nicht. Aber der Architekt und Stadtplaner von der Berliner Senatsverwaltung erläuterte ein umfangreiches Datenprojekt, das die Grundlage für Umsetzungen in Sachen mehr Umweltgerechtigkeit bildet. Ergebnis der Untersuchung, an der neben der Senatsverwaltung 18 Lehrstühle beteiligt waren, ist die „Berliner Umweltgerechtigkeitskarte“. Analysiert wurden mehrere Kernindikatoren wie z. B. Lärm, Luftschadstoffe oder bioklimatische Belastungen. Diese übereinander gelegt, ergeben mehrfach belastete Gebiete, die in der Karte, einem stilisierten Stadtplan Berlins, durch Farbintensität sichtbar werden. Bürger sehen auf einen Blick, wo sie am gesündesten wohnen können. Und das ist nicht in Berlin Mitte. Aber man sieht auch, wo mit Maßnahmen gegengesteuert werden sollte. Diese könnten ins Bau- und Planungsrecht fließen. Demnach zeigt die Karte auf „wissenschaftlich fundierter und rechtssicherer Basis“ den für Gesellschaft und Politik möglichen Handlungsbedarf.

Doch wo bleibt bei den wissenschaftlichen Ergebnissen die Gerechtigkeit? Das ist eine der anschließenden Fragen aus dem Publikum. In Berlin Mitte leben auch „gut Betuchte“. Damit wäre ja eine Durchmischung bereits gegeben. Tim Otto vom saarländischen Umweltministerium und Ideengeber des Vortragsthemas ergänzte, die Häuser der Besserverdiener verfügen über Lärmschutzfenster und Dachterrassen. Dem Ministerium ist es übrigens zu verdanken, dass Umweltgerechtigkeit „richtig Fahrt aufnimmt“. Es hat das Thema in einer Bundesumweltministerkonferenz auf die bundesweite Agenda heben können.

Im Berliner Senat wird darüber diskutiert, ob es bei städtebaulichen Wettbewerben eine Vorgabe werden könnte, dass sich die Entwurfsverfasser mit dem Umweltgerechtigkeitsmonitoring befassen.

Praktisches Beispiel: Amsterdam
Klimeczek brachte als praktisches Beispiel auch einige Folien eines Amsterdam-Aufenthalts mit. Die niederländische Stadt hat das Thema von Berlin übernommen und in ihrem Konzept der gesundheitsfördernden „Active City“ umgesetzt. Die Amsterdamer Bewohner sollen „nicht still stehen“. Radwege und körperliche Fitness innerhalb der Stadt werden gefördert. In Gebieten, in denen z. B. eine überdurchschnittliche Anzahl von adipösen Kindern lebt, werden verstärkt Radwege und Spielplätze (auch für Erwachsene) gebaut.

Umweltgerechtigkeit im Saarland
Die Berliner Umweltgerechtigkeitskarte dient als Grundlage für kommende Modellvorhaben in den Berliner Bezirken. „Berlin ist sehr weit“, resümierte Otto, „von dieser Grundlage können alle profitieren“. Auch im Saarland wird das Thema durch Modellprojekte angeschoben. Schwerpunkte sind hier die Partizipation der Bewohner und die Moderation von Planungsabläufen. Beim weiteren Prozess ist die Architektenkammer eng in die Arbeit des Umweltministeriums eingebunden.

Der Vortrag fand im Rahmen der Aktionswoche „Das Saarland voller Energie“ unter Schirmherrschaft von Anke Rehlinger, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr statt. Sie finden ihn im anhang als PDF-Datei.

Text: Kim Ahrend