Prof. Dr. Elli Mosayebi am 5. Oktober 2017 bei der Stiftung Baukultur Saar; Foto: Tom Gundelwein
Prof. Dr. Elli Mosayebi am 5. Oktober 2017 bei der Stiftung Baukultur Saar; Foto: Tom Gundelwein

Wie wir zukünftig wohnen werden, war das Thema des 4. Vortrags der diesjährigen Veranstaltungsreihe der Stiftung Baukultur Saar. Referentin Elli Mosayebi (Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten, Zürich) bezeichnete Architekten als „Gestalter zukünftiger Lebenswelten“ und stellte ihrem Vortrag ein Zitat von Umberto Eco voran: „Dem Zukünftigen begegnen wir, und das Neue schaffen wir“. 

Mosayebi, seit 2012 als Professorin für Entwerfen und Wohnungsbau an der TU Darmstadt, beschäftigt sich mit dem europäischen Wohnungsbau der Nachkriegszeit. Bekanntlich stammt der größte Anteil der Wohnungen aus dieser Zeit. Denn in den 1950er und 1960er Jahren wurde viel Wohnraum in kürzester Zeit benötigt. Die Wohnform war „relativ gleich“ und vom „Familiemmodell“ geprägt. Diese ist aus Mosayebis Sicht bis heute „zementiert“. Bei der Konzeption von − häufig als Renditeobjekte gesehenen − Wohnanlagen gebe es eine „Innovationshemmung“, verbunden mit einem hohen Grad an Konformität und einer bis heute kleinbürgerlichen Prägung.

Für Mosayebi steht die Frage nach dem zukünftigen Wohnen eng in Verbindung mit der sich ändernden Gesellschaft. Es gebe mehr Singles, mehr Ältere, mehr Pflegebedürftige, und es gebe einen Anstieg der Wohnfläche je Bewohner. Drei Herausforderungen bestehen aus ihrer Sicht: Die urbane Dichte, die Anonymität bzw. Individualität sowie das Wohnen auf Zeit. „Durch die Pluralität heutiger Lebensentwürfe sind keine scharfen Profile ablesbar“, meint sie, und es sei kaum vorhersehbar, wer wie wohne.

Welche anderen Möglichkeiten es neben den „stereotypen, kleinbürgerlichen“ Wohntypen der Immobiliengesellschaften gibt, untersucht sie mit ihren Studierenden und wirft die Fragen auf: Warum eine Küche? Warum ein Wohnzimmer? Die Studierenden antworteten mit pavillonartigen, aufs Wesentliche reduzierten Kleinwohnungen, die mit einer Gemeinschaftszone „um einen Ring“ gruppiert wurden. Auch das Wohnen auf Zeit in komfortablen, funktionellen Kleinwohnungen − als „Basisstation für einen begrenzten Lebensabschnitt“ − liegt in ihrem Fokus. Die Studierenden entwickelten hierfür Hotelwohnungen mit „Wohnhallen“ und Gemeinschaftsräumen.  

Zur Frage „Wie wollen wir wohnen?“ zeigte Mosayebi Beispiele aus ihrem eigenen Büro. Wichtige Ziele waren: die Verbindung von Wohnen und Arbeiten, die Offenheit einerseits (mit „Schaufenstern“ im EG) und die Privatsphäre andererseits, flexible Aufteilungsmöglichkeiten (z. B. mehrere Anschlussstellen für die Küche) und ein funktionierender Lärmschutz. Bevorzugtes Fassadenmaterial war Keramik mit ihren positiven Reinigungseigenschaften.  
Der Auftrag eines privaten Bauherrn hatte „als Schlussstein eines städtebaulichen Entwicklungsgebietes“ das temporäre Wohnen zur Aufgabe. In einem Hofgebäude mit einer Laubengangerschließung entstanden „Hotelwohnungen“ mit vielen kleinen Einheiten à 40 m² und einigen wenigen Einheiten à 200 m² sowie eine gemeinschaftliche Waschküche, ein Partyraum und ein Grillplatz. Die komfortablen, funktionell ausgestatteten Wohnungen sind schmal und hoch und erlauben es, fast ohne Möbel einzuziehen.

Ein weiteres, aus einem Wettbewerb hervorgegangenes Projekt in Zürich wurde „frei auf dem Grundstück“ von der Mitte aus um den Baumbestand herum entwickelt. Bei den 3 unterschiedlich gestalteten, heterogenen Wohngebäuden, die durch eine „opulente Hortensienbepflanzung“ ihren optischen Zusammenhalt bekommen, dienten Naturformen und Basaltformationen als gestalterisches Vorbild. Die 3-farbige Keramikfassade reflektiert das Licht der Blätter. Private Aufzüge führen in die komfortablen Wohnungen.

Fazit: Auch Kleinwohnungen können ihren Nutzern größtmöglichen Komfort bieten. Elli Mosayebi gestaltete einen anregenden Abend, der viele Denkanstöße lieferte. 

Cornelia Noll

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