Willi Latz
Willi Latz

Der demografische Wandel greift im Saarland um sich: Wir werden weniger. Dies mag in den größeren Städten des Landes kaum auffallen, im ländlichen Raum und kleineren Städten hingegen greift er unübersehbar um sich. Kaum ein Ortskern ohne Leerstand, darunter viele Gebäude, ob Bauern- oder Bergmannshaus, die der Region einst ihre Identität gaben. Viele davon sind denkmalgeschützt, und es ist längst gängige Praxis, sie verfallen zu lassen, bis der Abriss des zur Ruine verkommenen Baudenkmals alternativlos scheint.

Das Werben für regionale Baukultur ist  ein meist erfolgloses Unterfangen, das an vermeintlichen Sachzwängen scheitert. Kurz: Es lohnt nicht. Das ist falsch. Baukultur ist keine Frage des interesselosen Wohlgefallens, sondern eine handfeste Option, um dem Bedarf nach Wohnraum für die 10.000 Menschen nachzukommen, die auf ihrer Flucht vor Krieg und Terror ins Saarland gekommen sind. Die meisten sind zwar dezentral in Wohnungen untergebracht, viele aber auch in Winterzelten, Hotels oder Schulen. Doch derzeit stehen 20.000 Wohnungen im Saarland leer. An diesem Punkt finden regionale Baukultur und der Bedarf an Wohnungen für Flüchtlinge zusammen. Daraus ergibt sich eine Win-Win-Situation, die genutzt werden muss, weil sie mehr Chancen als Risiken für den vom demografischen Wandel betroffenen ländlichen Raum bietet. Diese Menschen brauchen dauerhaft Wohnungen, die im Saarland mit seiner hohen Eigenheimdichte, einem bundesweiten Alleinstellungsmerkmal, vorhanden sind.

Das Geld, oft genug ein Argument gegen die Pflege regionaler Baukultur und denkmalgeschützter Gebäude, ist da. Mittel aus dem Flüchtlingswohnprogramm des Landes, der Landesdenkmalpflege, der Städtebauförderung oder der vier im Saarland vorhandenen LEADER-Programme lassen sich nutzen. Dafür muss jedoch ein klarer politischer Wille im Land und in den Kommunen diese Richtung vorgeben. Das heißt, vorhandene Bausubstanz erfassen, prüfen und herrichten anstatt Behelfsbauten zu errichten oder neue Baugebiete auszuweisen. Schnellschüsse und Aktionismus, etwa durch den Bau vorgefertigter Holzhäuser kostengünstig Wohnraum im ländlichen Raum und kleineren Städten zu schaffen, greifen zu kurz.

Die Notwendigkeit, auch in den Städten kostengünstigen Wohnraum zu schaffen, ist keine Frage der Quantität allein, sondern immer auch eine Chance für qualitätsvolle städtebauliche Dichte. Das rechnet sich in jedem Fall, ob auf dem Land oder in der Stadt. Wenn man nur ein Achtel der leerstehenden Wohnungen nutzte und dabei vier Personen pro Wohneinheit rechnete, wären alle ins Land gekommenen Flüchtlinge gut untergebracht.

Gute Beispiele gibt es bereits in der Stadt Sulzbach, die eine Zeile mit Gründerzeithäusern aufkaufte, instand setzte und sie als Wohnraum für Flüchtlinge nutzt. Die neu in unser Land gekommenen Menschen sollen in unserer Mitte leben, -anstatt in Ghettos fernab von Stadtzentren und Gemeinden. Nur so gelingt Integration, wenn dabei die soziale Mischung stimmt. Durch die Aufwertung des ländlichen Raums und insbesondere der verödeten Ortsmitten, wozu auch die Dorfplätze als Treffpunkte gehören, werden diese Orte wieder für junge Familien interessant. Dafür brauchen wir auch intelligente ÖPNV-Konzepte, damit die Verbindung zu den Städten und den Arbeitsorten der Bewohner besteht.

Die Rechnung geht auf, wenn wir das nutzen, was wir haben. Diese Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen, zum Wohle aller handeln und dadurch den ländlichen Raum stärken, die Ortskerne wiederbeleben, den Standort Saarland als weltoffenes Land betonen, die regionale Baukultur pflegen und den demografischen Wandel eindämmen.

Dafür brauchen wir die Ideen unserer Kolleginnen und Kollegen und aller, die mit diesem Thema befasst sind. Dass unseren Mitgliedern das Thema regionale Baukultur im Hinblick auf die Zukunft des ländlichen Raums wichtig ist, hat das „Ortsgespräch“ vom 23. September gezeigt, bei dem wir uns im Jagdschloss Karlsbrunn gemeinsam mit Regionalplaner Peter M. Lupp vom Regionalverband Saarbrücken Gedanken über Kriterien regionaler Baukultur und deren Umsetzung gemacht haben. Wir sehen uns angesichts der aktuellen Fragen als Architektenkammer des Saarlandes gefordert. Wir haben dafür die Kompetenz und die Mittel. Der Vorstand  hat eine offene Arbeitsgruppe gegründet, die Ideen sammelt, sichtet und daraus Vorschläge erarbeitet. Alle Kammermitglieder sind zur Mitarbeit eingeladen! 

Willi Latz - Vizepräsident der AKS, stv. Vorsitzender der Stiftung Baukultur Saar

 

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