Harald Welzer, Foto: Tom Gundelwein
Harald Welzer, Foto: Tom Gundelwein

 „Transformationsdesign“ oder  „Weiterbauen am zivilisatorischen Modell“. Beides verknüpft sich mit Professor Dr. Harald Welzer, der auf Einladung der Stiftung Baukultur Saar zum Vortrag gekommen war. „Transformationsdesign“ ist das Fach, das der Soziologe und Sozialpsychologe an den Universitäten Flensburg und St. Gallen lehrt. Klingt theoretisch, ist es aber nicht, da der medienerfahrene Harald Welzer seine vermeintlich sperrige Botschaft eloquent und gut verständlich zu vermitteln versteht.

So auch in Saarbrücken, wo „Weiterbauen“ das Motto der diesjährigen Vorträge der Stiftung Baukultur Saar ausmacht, so dass Welzers Vortrag „im weiten Sinn auf das Thema verweist“, so der Präsident der Stiftung Baukultur, Professor Wolfgang Lorch, in seiner Begrüßung, womit er Recht haben sollte. Daher war es nur folgerichtig, dass das Publikum nicht nur aus Architekten, sondern aus vielen Zuhörern bestand, die als interessierte Zeitgenossen den Weg ins VHS-Zentrum am Saarbrücker Schlossplatz gefunden hatten. 

Denn Harald Welzer bietet gleichermaßen Fundament und Überbau, nicht nur für diejenigen, deren Alltag vom Bauen bestimmt ist, sondern für jeden, den die Frage umtreibt, ob Wachstum wirklich einen gesellschaftlichen Fortschritt darstellt oder nicht eher Raubbau an Gesellschaft und Natur bedeutet. Kurzum: „In welchem Stadium des zivilisatorischen Modells befinden wir uns?“, eröffnete Welzer daher seinen Vortrag und schien, obzwar mit etwaigem Dilettantismus in Sachen Architektur professionell kokettierend, doch damit auf einer Linie mit dem Anliegen der Stiftung Baukultur zu liegen. Denn auch in der Architektur hat sich das Selbstverständnis, erinnerte Wolfgang Lorch, des Berufsstandes vom in den 1970er Jahren das Ingenieurhafte betonende über die das Formale hervorhebenden 1980er zur Sorge um den „sozialen Mehrwert“ und das „Nutzerinteresse“ beim Bauen der Gegenwart gewandelt.

Ein Vorgehen, auf dem heute meist das Etikett „Nachhaltigkeit“ haftet. Aber genau hierin liegt für Harald Welzer das Problem: Nachhaltig bedeutet für ihn, „Produkte effizienter“ zu machen und nicht weiterhin auf Wachstum zu setzen, wie es in Asien und Afrika von ungleich mehr Menschen als in Europa mit allen Konsequenzen übernommen wird. Welzer folgerte daraus:  „Dieses zivilisatorische Modell ist nicht zukunftsfähig als globales Modell. Damit kommt man nicht durchs 21. Jahrhundert.“ Das gelingt für ihn nur durch den Ausbau von „sozialer Intelligenz“ und „radikaler Aufwandsvermeidung“, letztlich ein anderes Verständnis von Wachstum und damit Konsum: „Das ist ein anderer Lebensstil“, angestiftet von der Frage „Was soll das?“ angesichts von T-Shirts für 2,99 Euro oder einem Geländeauto für den Stadtverkehr, fasste er zusammen.

Ein Patentrezept für den Weiterbau am zivilisatorischen Modell, was nichts anderes heißt, als am guten Leben, gibt es nicht. Höchstens: Das Vorhandene zu nutzen und zu optimieren, anstatt gedankenlos Neues zu schaffen, womit auch die Architektur wieder im Spiel war, so der Hinweis Welzers. Dazu gehört das Bauen im Bestand, das Einsparen von Energie und genossenschaftliche Zusammenschlüsse, „die auch für das Bauen relevant sind“, bestätigte er.

Denn das eigene Handeln ist wichtig, lautet die Botschaft, die sich hinter dem Wortgetüm vom „Weiterbauen am zivilisatorischen Modell“ verbirgt:  „Was Menschen Dinge tun lässt, ist immer die Praxis. Das kann jeder in so einer Gesellschaft tun, so lange es Freiheit für eine Gesellschaft gibt.“

Dr. Sabine Graf 

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