Martina Löw, Foto: Iris Maurer
Foto: Iris Maurer

Der Vortrag von Martina Löw bildete den Auftakt der diesjährigen Reihe „Bauen für alle“ der Stiftung Baukultur Saar. Professor Wolfgang Lorch, Vorsitzender der Stiftung, stellte die Soziologin als „Multitalent“ vor. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Planungs- und Architektursoziologie. Sie ist Vermittlerin zwischen Architekten und Soziologen und in ihrer Funktion als Jurymitglied oder Beraterin oft an Stadtentwicklungskonzepten beteiligt.

Ihr Verständnis von Raum erläuterte sie anhand eines geschichtlichen Abrisses. Bereits in den 1920er Jahren begannen die Kunst und das Theater, den „vorgegebenen Bildraum“ zu sprengen. Und auch Albert Einsteins Relativitätstheorie trug dazu bei, „Räume nicht mehr in einer Containerfunktion zu sehen“. In den 1960erJahren zeigte die Weltraumeroberung, dass Räume nicht statisch und damit territorial sind. Der menschliche Erdraum sei mehr als der umschließende Raum. Der sogenannte Spatial Turn folgte in den 1990er Jahren. Mit ihm wurden Räume als soziale Produkte angesehen, mussten aber von ihren Nutzern als solche erkannt werden. Je nach Kultur, Bildungsstand oder Reife des Nutzers werde dies verschieden aufgefasst. Löw schilderte: „Architektur ist eine Raumgestalterin. Unabhängig von der Qualität schaffen Architekten Räume. Aber sie sind darauf angewiesen, dass die Nutzer den Raum ‚aufspannen‘.“ Das funktioniert ganz unterschiedlich: Ein Beispiel sei der Marktplatz, den wir als solchen erkennen und nutzen können. Es könnten aber auch schlicht die Verbindungen zwischen Baukörpern sein und dem Raum, der dazwischen entsteht. Oder es sei der Raum in „statischer Architektur als Rahmen“, wo er die „Relation zwischen platzierten materiellen Gütern und Menschen“ ist. So ändere sich die Wahrnehmung des Besuchers des Kölner Doms enorm, wenn er ihn zufällig ohne eingestellte Stühle vorfände, erzählte Löw. Auch die neuen Medien können Räume aufspannen und entmaterialisieren dadurch den Raum. Während ihrer Vorlesungen halte sich die Hälfte ihrer Studierenden in virtuellen Räumen auf, scherzte Löw.

Den zweiten Teil ihres Vortrags widmete sie einer durchgeführten Studie zur „Eigenlogik“ der österreichischen Stadt Graz und veranschaulichte damit ihre Raumtheorie. Graz war 2003 europäische Kulturhauptstadt. Das überraschende Ergebnis der Studie: Das für dieses Ereignis gebaute Kunsthaus von Peter Cook und Coulin Fournier im Arbeiterviertel Lend bricht mit seiner Blob-Architektur zwar mit der Fachwerkumgebung, wird aber von den Bürgern wohlwollend aufgenommen. Die Grazer erkennen das „Friendly Alien“ als Ausdruck des Fortschritts und der Modernisierung an. Damit verschiebe das Kunsthaus als nicht-heimeliges Element das relative Raumverständnis.

Darin sieht Löw ein großes Potenzial für die Baukultur. Die Frage sei, welche Räume sich für welche sozialen Gruppen wo in der Stadt aufspannen. „Soziologie und Architektur sollten stärker ins Gespräch kommen“, plädierte Löw. Demnach ist auch Löws Antwort auf eine Frage aus dem Publikum durchaus als Einladung zu Gesprächen zu verstehen: „Mich würde die ‚Eigenlogik‘ von Saarbrücken brennend interessieren. Sie erschließt sich mir nicht direkt.“                  

Kim Ahrend 

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