Annette Spellerberg, Foto: Lu/AKS
Annette Spellerberg, Foto: Lu/AKS

Wie bereits im Vorjahr lud die Stiftung Baukultur Saar zum Halbtagesseminar in die Hochschule für Technik und Wirtschaft am Waldhausweg. Mehr als 40 Teilnehmer diskutierten im Anschluss an vier Fachvorträge die Frage, wie vom demografischen Wandel erfasste Gemeinden und Städte weiterhin sozial intakt bleiben und welche Chance die aktuelle Zuwanderung von Menschen gerade für eine schrumpfende Gesellschaft bietet: Migration bietet dabei eine Perspektive für die allmählich verödenden Ortskerne und Innenstädte. 

Die Situation: Hoher Leerstand, alte Bausubstanz 
Das Saarland mit seinen 90 Prozent Wohngebäuden schrumpft, so der Faktencheck der Stadtsoziologin Prof. Dr. Annette Spellerberg von der Universität Kaiserslautern: Die Älteren bleiben, während die jüngeren aus beruflichen Gründen weggehen. Ein- Personen-Haushalte nehmen in dem Maß zu, in dem 5-Personenhaushalte, vor allem im ländlichen Raum, abnehmen. Der Leerstand liegt mit 5,8 % über dem Bundesdurchschnitt (4,5 %). Günstige Preise beim Mieten (4,85 €/m2 für nach 1990 errichtete Gebäude) und Kaufen kennzeichnen einen „entspannten Wohnungsmarkt“, allerdings mit wenigen Angeboten für Senioren. Die Ausnahme bilden der Regionalverband Saarbrücken und der durch Zuzug aus Luxemburg gestärkte Landkreis Merzig (Preise zwischen 210.000 und 220.000 €). Zuwanderung erfolgt derzeit durch Menschen aus Osteuropa und aus südlichen Kriegsgebieten. Anstatt sie in Gebäuden am Stadtrand unterzubringen, bieten sich dafür die leerstehenden Gebäude in den verödeten Stadt- und Dorfkernen zum Wohnen und Arbeiten an. Hier muss die Bürokratie fördern, nicht bremsen, empfiehlt Annette Spellerberg. Dazu leistet auch ein Verständnis von Heimat seinen Beitrag, das nicht auf Ausschließen, was im Saarland ausgeprägt sei, so die Stadtsoziologin, gerichtet ist, sondern offen ist. Der Begriff „Heimat“ lässt dies zu, so Spellerberg, da er „kulturell variabel“ ist, wie das Ergebnis einer Befragung in der Grenzregion zeigt, und nicht direkt an einen Ort, sondern durch soziale und ästhetische Qualitäten für die meisten der Befragten bestimmt ist: „Heimat ist, wo ich mich geborgen fühle“ 
Fazit: Migration als Chance für die Wiederbelebung von Ortskernen und Innenstädten.

Frage: Welche Aufgabe kommt in der aktuellen Debatte um Wohnraum für Migranten der Architektenkammer zu?
Professor Heiko Lukas, Präsident der AKS: Neben einer menschenwürdigen Sofortunterbringung ist ein langfristiges Konzept sowohl im Wohnungsbau als auch im Städtebau erforderlich. Ein ausreichendes bezahlbares Wohnungsangebot wird zu einem wichtigen Standortfaktor. Die deutschen Architekten fordern deshalb Bund und Länder auf, die Voraussetzungenfür den Wiedereinstieg in einen kostengünstigen und sozial integrierten Wohnungsbau zu schaffen. Auch kostengünstiger Wohnungsbau muss qualitätvoll, dauerhaft, energieeffizient und damit nachhaltig sein. 

Instrument Kommunikation: „Unser Dorf hat Zukunft“ 
Der bekannte Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ hatte es, so die Feststellung von Dipl.-Ing. Christian Schreiner, Bauassessor beim Regionalverband Saarbrücken, im Jahr 2014 mehr als schwer: Drei Anmeldungen  lagen dafür dem Regionalverband Saarbrücken vor. Dafür gab es einige Gründe: Die gefühlt hohen Anforderungen an die Dörfer oder die fehlende Unterstützung durch die Kommunen. Dabei steckt in diesem Wettbewerb eine handfeste Perspektive für die Dörfer: Er lädt zur Bestandsaufnahme des dörflichen Miteinanders, was Wohnen, Arbeiten und Freizeit angeht. Die Teilnahme an einem solchen Wettbewerb verlangt nach Kommunikation unter den Einwohnern und fördert die Identifikation mit dem Wohnort, so Christian Schreiner. Daher bot der Regionalverband mit dem Unterstützungsangebot „Check-up Dorf“ eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ an, die zu verblüffenden Ergebnissen führte, weil die Menschen einfach miteinander sprachen: „Ich hätte nicht gedacht, dass wir alle dasselbe wollen“, lautet die Bilanz einer Teilnehmerin an den Treffen der Einwohner aus Bliesransbach, einem von acht Dörfern, die das Angebot des Regionalverbandes 2015 annahmen. Dass es notwendig ist, die Selbstorganisation von Dörfern zu stärken, damit sie eine Zukunft haben, hatte bereits Annette Spellerberg anhand einiger Beispiele aus ganz Deutschland gezeigt. Denn Menschen bleiben im Dorf, wenn die soziale Struktur, das Miteinander sowie die Infrastruktur, auch die digitale, stimmt, wie zum einen der Internationale Treff in Walpershofen und zum anderen die Bürgerinitiative für schnelles Internet in Eiweiler, beides lokale Beispiele aus dem Regionalverband, zeigen. 
Fazit: Kommunikation im Dorf fördern, schafft für ein Dorf eine Perspektive.

Situation: Zersiedlung statt Konzentration
Der Saarbrücker Architekt und Stadtplaner Peter Alt bemühte die Vogelperspektive, um mit Luftbildern zu zeigen, dass mit dem Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung anhebenden Siedlungsbaus für die wachsende Zahl von Arbeitern unweit von Berg- und Eisenwerken die Zersiedlung der Landschaft begann und bis heute das Landschaftsbild bestimmt. Auf diese Weise lösten sich die Dorfkerne auf, und es entstand die für das Land typische Situation der Reihung von Einfamilienhäusern, die durch Anbauten allmählich erweitert wurden. 
Fazit: Zersiedlung ist ein Kennzeichen der Städte und Gemeinden im Saarland 

Frage: Wie kann der Zersiedelung Einhalt geboten werden? 
Willi Latz, Vizepräsident der Stiftung Baukultur Saar: Im Saarland haben wir in vielen Ortskernen ein sehr großes, nicht gehobenes Potential an Wohnhäusern. Im Seminar wurden Vorschläge gemacht, wie gefährdete Häuser und Leerstände evaluiert
und somit dem Wohnungsmarkt zur Verfügung gestellt werden können. Eine weitere Außenentwicklung können wir uns nicht mehr leisten, weil sie zu einer zunehmenden Verödung der Ortskerne in 95 % aller saarländischen Kommunen führen würde. 

Instrument Geld: Schrottimmobilien verhindern 
Das Schrumpfen hat eine umfassende Wirkung. Es betrifft alle, die Menschen, den Wohnungsmarkt, die Gestalt von Städten  und Gemeinden, die Finanzen sowie die Infrastruktur. Daher ist für Dr. Maximilian Vollmer, Universität Kaiserslautern, Fachbereich Stadtumbau und Ortserneuerung, dieses Thema nur als Gemeinschaftsaufgabe zu betrachten. Der Weg vom Leerstand eines Gebäudes im Ortskern zur Schrottimmobilie ist nicht sehr weit, so dass Maßnahmen zur Revitalisierung Not tun. Sanierung, Rückbau, also Abriss, um auf gewonnener Fläche Platz für Neues zu schaffen oder Umbau, um ein Gebäude an die veränderten Ansprüche seiner Nutzer anzupassen, lauten die Optionen. Dabei sollte in jedem Fall die Kommune die Rolle des Moderators übernehmen, wenn es ums Informieren, Beraten und Unterstützen durch finanzielle Förderung beim Erhalt von vorhandener Bausubstanz geht. Denn die Kommunikation zwischen den Akteuren der Dorf- und Stadtentwicklung scheint unerlässlich, damit staatliche Steuerungselemente zwischen Geld und Information nicht als Zwang wahrgenommen werden. Als Beispiele dafür nannte Maximilian Vollmer die Innenstadtagentur in Neustadt/ Weinstraße, die sich um den wachsenden Leerstand kümmert, oder das von der Gemeinde Hiddenhausen bei Detmold aufgelegte Förderprogramm „Jung kauft alt“, das den Kauf von vorhandenen Immobilien fördert bei gleichzeitigem Verzicht auf Ausweisung von Neubaugebieten. 
Fazit: Die Kommunen müssen aktiv werden, um Schrottimmobilien zu verhindern. 

Frage: Ist (Förder)Geld effektiver als Kommunikation?
Willi Latz: Hier könnten Anreizprogramme wie „Jung kauft alt − Junge Menschen kaufen alte Häuser“ dazu beitragen, städtebaulich wichtige und regionaltypische Objekte in den Ortskernen zu halten. Wenn das Programm durch eine Familienkomponente ergänzt würde, gelänge es auch, die Ortskerne mit jungen Bewohnern und Kindern dauerhaft wieder in Wert zu setzen. 

Dr. Sabine Graf

Melden Sie sich hier für unser Newsmagazin an