Dr. Carmen Palzer, Alexander Schwehm; Foto: Samira Brächer

Impulsreferat für die Sitzung des Bündnisses für bezahlbares Bauen und Wohnen im Regionalverband

Bei der letzten Sitzung des Bündnisses für bezahlbares Bauen und Wohnen im Regionalverband Saarbrücken haben der Präsident der Architektenkammer des Saarlandes, Alexander Schwehm, und die Geschäftsführerin der Architektenkammer des Saarlandes, Dr. Carmen Palzer, über Umbaukultur als Voraussetzung für die suffiziente Schaffung von Wohnraum gesprochen.
 
Schwehm erläuterte: „Energie- und Klimawende schaffen wir nicht mit dem Bau neuer
Gebäude. Wir müssen die Lebensdauer unserer bestehenden Bauten verlängern und dabei
die im Bestand gebundene graue Energie nutzen“ und belegte dies mit entsprechenden
Fakten. Der Bausektor sei weltweit für fast 40 % der CO2-Emissionen und für 35 % des
Energieverbrauchs verantwortlich und die graue Energie mache 50 % oder mehr des Gesamtenergie-Fußabdrucks aus.
 
Nachverdichtung des Bestands
Schwehm plädierte dafür, sorgsam mit der endlichen Ressource Fläche umzugehen. Die
wichtigsten Werkzeuge seien, den Bestand nachzuverdichten und aufzustocken. Er zitierte
die Deutschlandstudie 2019 des Pestel-Instituts und der Technischen Universität Darmstadt. Sie hat Wohnraumpotenziale in urbanen Lagen durch Aufstockung und Umnutzung von Nichtwohngebäuden untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass sich ein Potenzial von 2,4 Millionen Wohnungen bietet, die geschaffen werden könnten. „Der Erhalt von bestehenden Gebäuden sollte nicht nur, sondern muss unserer Meinung nach wesentlich erleichtert werden. Bislang legen die bauordnungsrechtlichen Vorgaben häufig einen Gebäudeabriss nahe“, sensibilisierte Schwehm die Teilnehmenden.
 
Dem häufig gehörten Argument, ein Umbau lohne nicht, Abriss und Neubau stellten
sich wirtschaftlicher dar, hielt Schwehm entgegen, dass die in der Bausubstanz bereits
enthaltene graue Energie kostenmindernd wirke. Und wenn auch die Entsorgung des Abrisses beim Neubau mitbetrachtet werde, sei der Neubau doch nicht mehr die wirtschaftlichere Alternative. Schwehm fragte sich, wer bei der Schaffung von bezahlbaren Wohnraum das Delta zwischen Mietpreisbindung und der öffentlichen
Förderung bezahle. Sein Wunsch: „Ziel sollte sein, dass der bezahlbare Wohnungsbau
zu 100 Prozent gefördert wird.“
 
Umbaufreundliche Änderungen der LBO
Historisch betrachtet seien die Baugesetze im Hinblick auf den Neubau konzipiert. Schwerpunkt beim Wiederaufbau der nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörten Bundesrepublik war der Neubau.
 
Palzer zeigte im Anschluss an das Impulsreferat anhand konkreter Beispiele auf, wie man durch Ergänzungen die Saarländische Landesbauordnung umbaufreundlicher gestalten
könnte. So könnte die Aufzugspflicht ab 13 m Höhe nach Vorbild der BauO Berlin
ausgesetzt werden, wenn bei bestehenden Gebäuden ein oberstes Geschoss zu Wohnzwecken nachträglich errichtet oder ausgebaut wird.
 
Eine ihrer Meinung nach sinnvolle Referenz ist § 56 der LBO Baden-Württemberg. In der
sogenannten Experimentierklausel sind „Abweichungen von technischen Bauvorschriften
zuzulassen, wenn auf andere Weise dem Zweck dieser Vorschriften nachweislich entsprochen wird“. Das Interesse an den Änderungsvorschlägen im Anschluss des Referats
war groß. Damit ist die AKS bereits einen Schritt in Richtung umbaufreundliche LBO gegangen.
 
Die AKS ist Bündnispartner des Bündnisses für bezahlbares Bauen und Wohnen im Regionalverband Saarbrücken und Mitunterzeichner des Letter of Intent.
 
Text: Dr. Carmen Palzer/ Kim Ahrend