Dr. Dr. Arne Winkelmann; Foto: Mechthild Schneider

Erkenntnisse lieferte eine Fortbildung für Architekt:innen und Lehrer:innen

Mit welch verschiedenen Blickwinkeln man sich dem Thema „Architektur trifft Schule“ nähern kann, und wie gleichermaßen wichtig diese sind, wurde bei der ganztägigen Fortbildung für Architekt:innen und Lehrkräfte am 11. Oktober 2022 deutlich.
 
Bei den Schulprojekten soll kein Druck erzeugt werden, etwas Konkretes umzusetzen. „Ziel ist es in erster Linie, zu planen und die Planung zu verstehen, bevor eine konkrete Umsetzung erfolgt“, unterstrich AKS-Vizepräsident Jens Stahnke bei der Begrüßung.
 
Erster Referent war Dr. Dr. Arne Winkelmann, Architekturhistoriker, -publizist und -kurator aus Frankfurt. Sein Thema: „Architektur unterrichten – interdisziplinäre Ansätze und Ideen“. Winkelmann kann auf umfangreiche Erfahrungen mit Lehrerfortbildungen und Schulprojekten zurückgreifen. Bedauerlicherweise gestalte es sich dabei schwierig, neben dem Kunstunterricht ein weiteres Fach einzubinden, obwohl es unzählige Möglichkeiten dafür gebe.
 
Das Arbeiten mit Raumtragwerken aus Stäben und Seilen (Stichworte: Tensegrity, Buckminster Fuller) sei beispielsweise eine Steilvorlage für den Physikunterricht. Auch das Thema Hochhäuser biete Potenzial für verschie-
dene Fächer. Als es um die Anfertigung einer Skizze des Empire State Buildings nach einer im Deutschunterricht erstellten Beschreibung ging, wurde deutlich, wie schwierig dies ist. Und, dass die Architektursprache eine eigene Sprache ist. Im Fach Erdkunde sollten die höchsten Gebäude auf einer Weltkarte verortet werden. Lernziele hierbei: die historische Entwicklung des Hochhausbaus und die Kenntnis, dass man sich mithilfe eines Gebäudes einen Namen machen kann (z. B. Trump Tower, Burj Khalifa). Im Fach Sozialkunde stand das World Trade Center im Fokus: Für was stand das Gebäude, warum wurde es angegriffen? Und eine Silhouette aus Hochhäusern und ein Turm mit Collagen wurden im Kunstunterricht realisiert.
 
Auch auf das Handwerkliche ging Winkelmann ausführlich ein: Die Technik des Schneidens, welche Ausstattung und Materialien es braucht, welch kreative Möglichkeiten die Stecktechnik bietet, und dass ein Legomännchen als Maßstab dienen kann.
 
Dr. Alexandra Abel beleuchtete die „Architekturvermittlung aus architekturpsychologischer Perspektive“. Sie lehrt seit acht Jahren an der Bauhaus-Universität Weimar, wo das Thema Architekturpsychologie Eingang in den Fachbereich Architektur und Urbanistik gefunden hat.
 
Architekturpsychologie heißt, Menschen zu beobachten und zu studieren, die sich die meiste Zeit ihres Lebens in Gebäuden aufhalten. Sie soll die „Mensch-Umwelt-Beziehung“ verbessern und beschäftigt sich mit der gesamten gebauten Umwelt. Unterschiedliche Disziplinen wirken zusammen: neben der Architektur und Psychologie auch die Medizin, Physik, Biologie und ganz wesentlich auch die Pädagogik, etwa durch Architekturvermittlung.
 
Beispielhaft erläuterte Abel, „welche Relevanz die Qualität des gebauten Raumes für körperliches, geistiges und soziales Wohlergehen hat“. Neben (analogen und digitalen) Räumen, die zu körperlicher und geistiger Bewegung und Beweglichkeit animieren, werden Räume benötigt, die unsere sozialen Beziehungen stärken.   
 
Abel spricht sich für einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über Architektur und Umweltgestaltung aus. „Weiter wie bisher ist keine Option für Kinder und Jugendliche“, meint sie, „sie haben das Recht auf eigene Aneignung und Veränderung.“ Nur wenn baukulturelle Bildung gegeben sei, könne auf Augenhöhe diskutiert werden.
 
Ein wichtiger Aspekt bei der Architekturvermittlung: „Schüler:innen sollen Architektur als veränderbar erleben“, unterstreicht sie. Welche Gefühle löst der gebaute Raum bei mir aus und warum? Welche Bedürfnisse habe ich? Welche werden erfüllt und welche nicht? Die Beschäftigung mit Architektur, die bewusste Wahrnehmung, einfache Fragen ermöglichen es, über die Qualität von Architektur zu diskutieren und diese zukünftig einzufordern.
 
Über das Thema „Schulen entwickeln – Schulen bauen“ referierte Florence Verspay, Architektin und Prokuristin bei der Hausmann Architekten GmbH in Aachen. Sie bedauert, dass Schulen oft am Bedarf vorbei geplant werden. Ein wichtiges Thema des auf Schulbauten spezialisierten Büros ist daher die LPH 0, bei der – unter Beteiligung aller Nutzergruppen – eine programmatische und strategische Konzeption entwickelt wird. Vorteile dabei: eine klare Ausgangssituation für die Planung und eine nachfolgende Zeitersparnis.
 
Als Beispiel für einen Schulneubau zeigte sie den „Bildungscampus Köln-Kalk (2018)“, der in einem heterogenen Stadtviertel liegt. Er bietet ein offenes Konzept von der Grundschule bis zum Abitur und richtet sich als intensiv vernetzte Schule an Kinder und Jugendliche aus allen Gesellschaftsschichten. Partner aus dem Bildungs- und Sozialbereich unterstützen die individuelle Förderung. Als Schnittstelle zu den schulischen Bereichen dienen Café, Forum und Mensa. Die Nutzung geht weit über die schulischen Bedürfnisse hinaus.
 
„Auch im Bestand kann man ganz ähnliche Qualitäten wie im Neubau erreichen“, meint Verspay. Das Projekt „Campus Bernauer Straße in Berlin-Wedding“ (seit 2019) markiert eine vergleichbare Aufgabe für das Bauen im Bestand. Bauaufgabe ist es hier, zwei Schulen aus den 1950er und 1970er Jahren zu einer Intergrierten Sekundarschule mit den Klassenstufen 7 – 13 zusammenzuführen. Die Schwerpunkte sind Sprache, Kreativität, Gesundheit und MINT. Ein „MakerSpace“ dient als Vernetzungsbaustein. Kooperationen mit benachbarten Schulen und Institutionen werden angestrebt und der Campus nach Schulschluss auch Vereinen, Musikschulen etc. zur Verfügung stehen.
 
Den drei Vortragenden, die in Saarbrücken zu Gast waren, war (mindestens) eines gemeinsam: Ihr Plädoyer für interdisziplinäres Zusammenwirken.
 
„Architektur trifft Schule“
Ein Kooperationsprojekt der AKS, des Ministeriums für Bildung und Kultur (MBK), des Landesinstituts für Pädagogik und Medien (LPM) 
Start der neuen Projektrunde am Do, 02.03.2023, 14–17 Uhr, mit einem Workshop für Architekt:innen und Lehrkräfte
Weitere Informationen folgen.
 

Text: Cornelia Noll