Der AKS-Präsident ergänzt Ministerin Rehlingers 3 1/2 Thesen zur Zukunft der Innenstädte aus Architekten-Sicht

Text: Alexander Schwehm

Ich finde es richtig und wichtig, was Ministerin Anke Rehlinger in Ihren 3 1/2 Thesen über die Zukunft der Innenstädte schreibt. Aus Sichtweise eines Architekten möchte ich folgendes ergänzen.

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass wir einen besseren und günstigeren ÖPNV brauchen. Denn nur so lässt sich der ländliche Raum an die Städte anbinden. Das ist natürlich eine Frage der Finanzierung und auch der tatsächlichen Nachfrage. Ich bin aber überzeugt, dass ein attraktiver ÖPNV automatisch die Nachfrage steigern wird. Eine weitere Möglichkeit wären „Abruf-Busse“. Sie sind kleiner als normale Linienbusse, ohne regelmäßigen Fahrplan und funktionieren „On-Demand“. Das heißt, man ruft den Bus per App oder Telefon. Meiner Meinung nach eine sinnvolle Ergänzung zu Bus und Taxi. Denn alle, die  auf dem Land leben, kennen das, wenn lediglich ein Bus morgens raus und abends wieder rein fährt in den Ort. Und das war's dann. Zudem könnten elektrisch betriebene Sharing-Fahrzeuge, die zum ÖPNV gehören, auch auf dem Land eingesetzt werden.

Sowohl im ländlichen Raum als auch in den Innenstädten gilt: Wir brauchen unbedingt (kleine) Läden und Geschäfte. Diese tragen wesentlich dazu bei, unsere Städte und Ortszentren lebendig zu machen. Und deswegen sollten diese auch besonders gefördert werden. Die ungleiche Behandlung der kleinen und großen Händler finde ich teilweise schwierig. Es müssten der uns allen bekannte Online-Händler, aber auch alle anderen Transportdienstleister in die Pflicht genommen werden. Ein Beispiel: Je nach Kommune müssen Geschäfte, sofern sie die geforderten Stellplätze nicht vorweisen können, Ablösesummen bis zu 12.000 € bezahlen. Das brauchen besagte große Unternehmen nicht. Sie liefern die Waren mit großen Transportern aus, stehen in zweiter Reihe oder verstopfen im Extremfall die komplette Straße, während die Pakete an die Kunden und Kundinnen ausgeliefert werden. Das kann nicht sein! Diese Unternehmen nutzen die Infrastruktur der Städte und Gemeinden, meist ohne eine Gegenleistung zu bringen. Wie Ministerin Rehlinger schreibt, eine Lösung wäre, sie müssten „ordentlich Steuern bezahlen“. Eine weitere wäre, dass ortsnahe Verteilzentren (nicht auf der grünen Wiese, sondern unter Nutzung des Bestands und Leerstandes) geschaffen werden, wo auch Pakete entgegen genommen werden können. Von dort aus erfolgt das Verteilen am raumsparendsten und ökologischsten mit Lastenfahrrädern oder zu Fuß. Das dauert vielleicht ein wenig länger, aber dann wären diese Unternehmen gezwungen, ihre Preise anzupassen. Damit würde sich das Ungleichgewicht wieder etwas zugunsten des ortsansässigen Einzelhandels verschieben. Vorstellbar wäre auch, dass diese Firmen Stellplätze zugewiesen bekommen, für die sie Ablöse zahlen. Dort stünde dann ein Transporter, von dem aus weiter verteilt wird. Denn im Grunde sind Paketautos mobile Marktstände und für Marktstände wird eine Standgebühr fällig.

Und ich gebe Ministerin Rehlinger recht, dass nur eine gute Durchmischung unsere saarländischen Städte lebenswert macht. In einer Stadt muss es Hygiene- und Erholungszonen geben. Ja, es muss Räume für das gesellschaftliche Leben geben, und damit dieses künftig nicht wieder pandemiebedingt ausgebremst wird, braucht es zum Beispiel Stationen zum Hände waschen, mehr öffentliche WCs und öffentliche Trinkstationen. Freiräume müssen so gegliedert werden, dass sich Menschenansammlungen entzerren lassen. Wenn wir von Durchmischung sprechen, plädiere ich für die Nutzung des bauplanungsrechtlichen Instruments der „Urbanen Gebiete“. Hier finden Wohnen und Arbeiten nebeneinander und im Einklang statt. Dies belebt jede Stadt, kann aber auch auf dem Land ein Mittel sein. Das Gleiche gilt für Co-Working-Spaces und Gründerzentren, wie das sogenannte Co:Hub66, das im „HDI-Gebäude“ in Saarbrücken entsteht und vom Wirtschaftsministerium gefördert wird. Warum nicht solche Gemeinschaftsräume auch jenseits von Ballungsgebieten installieren? Dies würde das Verkehrsauf-
kommen in die Städte drastisch reduzieren und ländliche Gebiete aufwerten.

Ich sehe es wie Anke Rehlinger: Städte sind wichtige Impulsgeber für den ländlichen Raum. Und wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, tragen als Planer wesentlich für die Zukunftsfähigkeit von Städten und Gemeinden bei.