Teilnehmer Kongress CNBD; Foto: Iris Maurer
Mit dieser und anderen Fragen beschäftigte sich der internationale Kongress für nachhaltiges Bauen CNBD
Text: Kim Ahrend

 

Drei Länder – Frankreich, Belgien und Deutschland – luden Anfang Oktober zum dreitägigen grenzüberschreitenden Kongress für nachhaltiges Bauen ein (s. Infokasten nächste Seite). Den dritten Kongresstag organisierte federführend die Architektenkammer des Saarlandes mit Envirobat Grand-Est. Alexander Schwehm, Präsident der Architektenkammer, Peter Strobel, Minister für Finanzen und Europa, und Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, waren sich in ihren Grußworten einig: Der Veranstaltungsort, die Gebläsehalle der Völklinger Hütte, war optimal gewählt. Sie ist eine imposante Industriehalle, die früher ein „Unort“ war, wie Vizepräsident und Moderator des Vormittags, Jens Stahnke, aus seiner Kindheit berichtete. Heute ist nur noch ein leichter Industriegeruch wahrnehmbar und die Veranstaltungshalle lebt von ihrem rauen Ambiente. Damit ist sie ein gelungenes Beispiel eines umgenutzten Bestandsgebäudes und die Teilnehmer waren beim Betreten des Veranstaltungsortes bereits mittendrin im Kongressthema. 

Der Europaminister zeigte als Auftakt die Bandbreite des nachhaltigen Bauens. „Architektur reflektiert den Geist der Zeit, in der sie entsteht. Gleichzeitig bietet sie aber auch die Chance, mit vielfältigen und neuen Konzepten die Zukunft zu gestalten. Die Zukunft liegt im nachhaltigen Bauen mit Baumaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen“, führte er aus.
Ruth Schagemann von der Architektenkammer Baden-Württemberg ist unter anderem Vorstandsmitglied des europäischen Architektenverbandes ACE. In einer kurzen Präsentation erklärte sie den europäischen Green-Deal als übergeordnete EU-Strategie, in der es um Nachhaltigkeit geht sowie um Klimaneutralität bis 2050. Mit dem „Neuen Europäischen Bauhaus“ wolle die Kommissionspräsidentin den Green Deal den Menschen näher bringen.
 
Anpassung an den Klimawandel
 
Die Überschrift der simultan übersetzten deutschen und französischen Vorträge des dritten Kongresstages lautete „Anpassung an den Klimawandel“. Warum das nötig ist, umriss der AKS-Präsident. Er erinnerte an die jüngste Flutkatastrophe im Ahrtal, der zahlreiche Menschen, Tiere und Gebäude zum Opfer fielen. Jens Stahnke betonte in seiner anschließenden Moderation, wie wichtig die grenzüberschreitende Ausrichtung des Kongresses, gerade für die Großregion, ist: „Der Klimawandel macht vor den Grenzen nicht halt.“ Sophie Roy von Météo France spannte einleitend ein Zukunftsszenario auf. In der Großregion würden die Temperaturen bei optimistischer Prognose über 2 Grad und bei pessimistischer gar über 4 Grad Celsius steigen – in Relation eines Referenzwertes, der sich über einen Betrachtungszeitraum von 30 Jahren ergibt (1976-2005). Am Ende des 21. Jahrhunderts sei mit Hitzerekorden zu rechnen, ab 2050 bereits mit 55 Grad Celsius in der Rheinebene. Der Jahresmittelwert der Niederschläge ändere sich zwar nur geringfügig, aber im Winter sei mit viel mehr und im Sommer mit weniger Niederschlag bis hin zu Dürren zu rechnen. „Jedes Grad zählt, um die CO2-Emissionen einzudämmen!“, appellierte Roy.
 
Stadt und Land
 
Um Gebäude und Infrastruktur an den Klimawandel und dessen Folgen anzupassen, müssen Städte und Dörfer umgebaut werden. Richard Reschl, Professor an der TU Stuttgart, bringt einen weiteren raumbildnerischen Aspekt zur Diskussion, die „Zwischenstadt“.  „Wenn ich heute aus der Stadt rausfahre, komme ich nicht direkt in die freie Landschaft, sondern quäle mich durch Gewerbegebiete, Tankstellen oder den sogenannten Speckgürtel“, erläuterte der Stadtplaner und Soziologe. Die Zwischenstadt habe deutlich höhere Potenziale an Grünflächen, die sich nicht so stark aufheizen wie versiegelte Flächen. Doch wenn nichts geschieht, der Klimawandel nicht eingedämmt wird, werden sich auch die Hitzetage in der Zwischenstadt deutlich erhöhen, prognostizierte Reschl. Und es kommt noch etwas hinzu: Die Zwischenstadt muss eine ästhetische Komponente bekommen, sie muss geplant werden. Reschl fasste es zusammen mit: „Schöner wär’s, wenn‘s schöner wär.“ Um das zu erreichen, braucht es ein Bewusstsein für die Zwischenstadt, bei Bürgern und in der Politik.
 
Auch Marc Verdier, Dozent an der Hochschule für Architektur in Nancy, sprach von nötigen Veränderungen der Städte und Gemeinden. Stadt und Land sollen sich ergänzen, sich bestenfalls miteinander verzahnen. „Wir brauchen ein neues Narrativ“, so Verdier. Es gehe darum, Gebäude zu reparieren, umzunutzen und anzupassen („To build or not to build“ – Bauen oder nicht bauen). Marc Verdier möchte, dass die Themen ihre akademische und fachliche Ebene verlassen und Gehör bei der Politik finden. Deswegen hat er ein „Reisetagebuch für Gemeinden“ publiziert. In diesem zeigt er anhand positiver Beispiele anschaulich, mit welchen Werkzeugen Bürgermeister/-innen Veränderungen einleiten können. 
 
Ein wichtiger Aspekt, um Städte und Gemeinden zukunftsfest und lebenswert zu machen, ist Begrünung. Damit ließe sich das Mikroklima regulieren. Gilles Lecuir von der Regionalen Agentur für Biodiversität Île-
de-France plädiert dafür, Begrünung aktiv zu fördern. Lecuir stellt eine Reihe von Beispielen für mehr Begrünung vor, wie Baumkronendächer, die der Verschattung und Verdunstung dienen oder Blumenbeete, die den Straßenraum entsiegeln. Das Interessante daran: Oftmals sind es Initiativen zwischen der öffentlichen Hand und Privatpersonen.
Die Beziehung von Stadt und Land war ebenso Thema bei dem Vortrag des saarländischen Umweltministers Reinhold Jost und der anschließenden Podiumsdiskussion. Jost stieß viele wichtige Themen an. So sei ein Aspekt, dass die Innenentwicklung vor der Außenentwicklung stünde. Das bedeutet zum Beispiel, dass Ortskerne gestärkt werden, bevor ein neues Neubaugebiet ausgewiesen wird. Die Zersiedelung und in Folge der Flächenverbrauch werden reduziert. Damit der ländliche Raum an Attraktivität gewinne, seien entsprechende Mobilitätskonzepte wie der Ausbau des ÖPNV in Planung. 
 
Nutzen und Besitzen?
 
Auch Jens Stahnke argumentierte in der Podiumsdiskussion für intelligente Mobilität. Nur auf Elektromobilität umzusteigen, bringe uns nicht weiter. Es gäbe zu viele Autos, egal ob mit oder ohne Verbrenner. Der ruhende Verkehr müsse drastisch reduziert werden. Die frei werdenden Flächen böten ein großes Potenzial für eine nachhaltige Entwicklung der Stadtplanung. Eine Idee Stahnkes war, die Grundsteuer zu ändern. Zurzeit werden Brachen zu Parkplätzen und damit „wird gut Geld gemacht“.
 
Valérie Jousseaume, Geografin an der Universität Nantes, findet es notwendig, das Bewusstsein der Menschen zu ändern. Der Komfort wurde über Jahrzehnte erarbeitet, die digitale Revolution bedeute, immer schneller und weiter. Ein Chaos, aus dem viele Menschen bereits aussteigen. Zumindest wünschen sich die meisten mehr Stabilität. Auch Verdier denkt in diese Richtung, die sich mit Suffizienz beschreiben lassen könnte. Der Stadtplaner schlug vor, dass es staatliche Zuschüsse nicht mehr für den Besitz geben sollte, sondern für die Nutzung (zum Beispiel in Bezug auf die Prämie für E-Autos). Man müsse den Besitz in Frage stellen und eventuell sogar zum „Kollektiveigentum zurückkommen“.
 
Bauen oder nicht bauen? Das ist natürlich eher eine rhetorische Frage, da gebaut werden muss. Doch wie lässt sie sich dennoch im Architektenalltag beantworten? Jens Stahnke rät, dies direkt bei der Bauherren-Erstberatung anzusprechen: die Innentwicklung mit Grundstücken in Ortskernen zu fördern, Gebäude umzunutzen oder umzubauen statt neu zu bauen, heimische Materialien zu verwenden und weniger (Wohn-)fläche zu planen. Das wären wichtige Schritte, um unser Klima zu schützen.
 
CNBD-Kongress
Der Kongress war grenzüberschreitend organisiert durch das Ressourcenzentrum für nachhaltiges Bauen in Grand Est (Envirobat Grand-Est), gemeinsam mit dem Cluster Eco-Construction Namur unter der Ägide der Agence de la Transition Écologique (ADEME). Veranstalter und Partner auf deutscher Seite waren die Architektenkammer des Saarlandes und die Stiftung Baukultur Saar.
Der Kongress hat das Label „Neues Europäisches Bauhaus“ der europäischen Union und ihrer Partnerorganisation, der Bundesarchitektenkammer.