Was passieren muss, damit saarländische Städte Orte zum Leben, Arbeiten und Entspannen bleiben – bei guter sozialer und kultureller Durchmischung, ressourcensparend und klimaschonend

Text: Anke Rehlinger, saarländische Ministerin für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr

Niemand da. Alle Läden geschlossen, keine Menschen, die Stühle vor den Cafés gestapelt. Was in mancher Corona-Phase zum Anblick unserer Innenstädte wurde, ist auch eine dystopisch anmutende Befürchtung für die Innenstädte der Zukunft. Ich will dem ein zuversichtliches Bild entgegensetzen. Wie das mit der Zukunft allerdings so ist: Man kann den Wandel bis dahin erleiden, davon wird selten etwas besser. Oder man gestaltet aktiv. Das ist anstrengend, aber lohnt sich. Was muss also passieren, damit unsere Städte Orte zum Leben, Arbeiten und Entspannen bleiben und das auch noch mit guter sozialer und kultureller Durchmischung, ressourcensparend und klimaschonend?

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Die Zukunft der Mobilität schafft Räume für Neues. Man muss keinen Kulturkampf gegen das Auto führen, um zu erkennen, dass die Mobilität sich verändert. Fuß- und Radverkehr werden stärker, dazu kommen z. B. E-Scooter als ein weiteres Mittel für die „letzte Meile“ von einer Bushaltestelle zur Arbeit, für kurze Dienstfahrten o. ä. Viele vor allem junge Menschen in größeren Städten kommen bereits ohne Auto aus. Ganz ohne Auto? Nein, für den Großeinkauf oder den Ausflug ins Umland greifen viele auf das Auto der Eltern oder von Freunden zurück. Oder sind beim Car-Sharing dabei. Weniger Autos – mehr Platz. Privat-KfZ verbringen den Großteil ihrer „Lebenszeit“ stehend vor Wohn- oder Arbeitsorten. Parkraum, der frei wird, könnte für Rad- und Fußverkehr, Grünanlagen, Wohnen, Gastronomie und kulturelles Leben genutzt werden. Ist sogar eine Stadt denkbar, in der in der Innenstadt nur elektrisch betriebene Sharing-Fahrzeuge fahren, die zum ÖPNV gehören? Soweit muss man erstmal gar nicht denken, aber klar ist: Auf dem Weg in die Stadt der Zukunft brauchen wir einen besseren und günstigeren ÖPNV. Das gehen wir im Saarland mit großer Intensität an. Klar, die Alternativen zum Auto brauchen auch Platz im Verkehrsraum. Wir werden hier keine Revolution sehen, das wird sich entwickeln und auch heftige Konflikte auslösen. Man muss es so gestalten, dass es zu einem Mehrwert für die Menschen in der Stadt wird – und für deren Gäste, für Pendlerinnen und Pendler sowie für Kundinnen und Kunden.

Läden und Geschäfte bringen Leben in die Bude bzw. in die Stadt. Und übrigens auch Arbeitsplätze! 40.000 allein im Saarland, fast so viele wie in der Automobilindustrie. Die Pandemie hat jedoch den Trend zum Online-Versender deutlich verschärft. Deshalb muss erstens der berühmte Online-Händler, dessen Name hier nicht genannt wird, ordentlich Steuern bezahlen. Ich finde auch, dass mindestens ein Teil davon in ein Programm für lebenswerte Innenstädte fließen könnte. Und deshalb muss zweitens auch der stationäre Einzelhandel verstärkt die Chancen der digitalen Welt für sich nutzen. Dafür stehen diverse Projekte und Innovationen in den Startlöchern, die dabei Schub geben können und mit Programmen wie dem „Digitalstarter Saarland“ helfen wir als Wirtschaftsministerium mit. Auch Kneipen, Restaurants und Gaststätten werden wir auf dem Weg raus aus dem Pandemiemist unterstützen.

Eine Stadt, in der keiner lebt, ist aber nicht mehr als ein Einkaufszentrum mit angeschlossener Gastronomie. Damit Wohnen bezahlbar bleibt, müssen wir deutlich mehr in sozialen Wohnungsbau investieren. Hier haben die Programme des Innenministeriums bislang nicht gegriffen. Klar ist doch – bei steigenden Preisen am Bau muss auch die Förderung Schritt halten. Parks, Wald und Wiesen sowie ausreichend Raum für gesellschaftliches Leben sind wesentliche Faktoren für lebenswerte Städte. Aber auch eine Stadt, die niemand besuchen mag, wird nicht wirtschaftlich erfolgreich sein. Mit dem Messe- und Kongresszentrum in der Landeshauptstadt Saarbrücken stoßen wir gerade eine 100-Mio-Leitinvestition an, die einen neuen Leuchtturm für das ganze Land darstellen wird. Attraktionen von Weltrang in Reichweite wie unser Weltkulturerbe Völklinger Hütte tragen zu einer attraktiven Stadt ebenso bei.

Sehen Sie auch die Stadt der Zukunft vor sich? Natürlich bleibt es ein Blick in die Glaskugel. Entscheidend ist, den Wandel aktiv zu gestalten. Und dazu gehört nicht nur die reine Städteplanung, sondern ebenso Wirtschafts- und Ansiedlungspolitik, Verkehrsplanung und -steuerung, Investieren und Bauen und natürlich Kultur! Ich möchte quirlige Städte voller Leben in unserem Saarland von morgen. Städte, in denen die Menschen gerne wohnen, arbeiten und feiern. Städte, die dabei auch wichtige Impulsgeber für den ländlichen Raum sind. Also Glück auf und auf in die Zukunft.