Mit Christine Streichert-Clivot, der saarländischen Ministerin für Bildung und Kultur, sprachen wir über Schulbauten mit und nach Corona

Interview: Kim Ahrend

Die Corona-Pandemie führt im Bildungsbereich zu einschneidenden Veränderungen, die sich nach Meinung der Architektenkammer des Saarlandes (AKS) ebenso in der baulichen Entwicklung von Schulbauten ausdrücken sollten. Die Redaktion des saarländischen Regionalteils des Deutschen Architektenblatts (DAB) hat bei der saarländischen Kultur- und Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot nachgefragt, wie die Schulen zukünftig „fit“ gemacht werden für den gefahrlosen Präsenzunterricht.

DAB: Frau Ministerin, Sie sind während der Pandemie stark gefordert. Die saarländischen Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte sind seit knapp 1,5 Jahren mit Wechsel- und Distanzunterricht konfrontiert. Mit sinkender Inzidenz sind nun alle Schulen in den Präsenzunterricht zurück gekommen. Sind die Schulgebäude im Land dafür räumlich gut aufgestellt?

Ministerin: Stark gefordert sind wir alle. Besonders getroffen hat die Krise aber Kinder und Jugendliche. Deshalb bin ich sehr froh, dass der Wiedereinstieg in den vollen Präsenzunterricht gut gelungen ist. Das gemeinsame Lernen, Arbeiten und Leben in der Schule ist für Kinder und Jugendliche unglaublich wichtig. Als Land haben wir den Schulträgern Mittel zur Verfügung gestellt, um bei Bedarf auch in die Ausstattung der Gebäude zu investieren – beispielsweise in die Instandsetzung von Fenstern oder in Lüftungsgeräte. Unabhängig von der Pandemie haben wir heute andere Anforderungen an Schulgebäude. Viele stammen ja noch aus den 1950er und 1960er Jahren. Damals hatten wir ganz andere Gesellschaftsstrukturen und auch die pädagogische Arbeit sah anders aus.
Hier hat sich zum Glück viel verändert.

DAB: Die AKS hat jüngst in einer Pressemitteilung (siehe Seite 43) aufgezeigt, dass sie bei den künftigen Ausschreibungen für die Planungen und Wettbewerbe von Schulen Änderungsbedarf sieht. Sehen Sie das auch so? Und wenn ja, wie ließe sich dies politisch vorantreiben?

Ministerin: Das Thema Schulbau wird nicht nur bei den kommunalen Schulträgern, sondern auch auf Landes- und Bundesebene intensiv diskutiert. Wie gesagt, die Anforderungen an Schule und damit auch die Gebäude ändern sich – und die Form muss der Funktion folgen. Es geht also darum, wie Schulen in der Zukunft vor dem Hintergrund geänderter Anforderungen wie dem Ganztagsausbau, der Inklusion, der Individualisierung des Lernens oder ihrer Funktion im Sozialraum gestaltet werden sollen. Aus meiner Sicht sollten wir Schulen zu multiprofessionellen Familienzentren mit starken Unterstützungsnetzwerken weiterentwickeln. Hier erreichen wir nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch die Familien. Bei vielen Schulträgern – nicht nur im Saarland – gibt es Beratungs- und Orientierungsbedarf hinsichtlich baulich-räumlicher Standards sowie in Bezug auf Konzepte für ein an den pädagogischen Bedarfen ausgerichtetes Bauen. Klar ist dabei, dass die Haushaltslage vieler Kommunen sehr angespannt ist. Um den Ansprüchen gerecht werden zu können, brauchen sie auch den nötigen finanziellen Spielraum.

DAB: Alexander Schwehm, AKS-Präsident, schlägt Änderungen in der Grundrissaufteilung vor, damit Schulen künftig flexibler auf Pandemieereignisse reagieren können. Vermutlich ist es insbesondere bei bestehenden Schulen schwierig, solche umfangreichen Änderungen umzusetzen. Wie werden Schulen bei Umbaumaßnahmen unterstützt?

Ministerin: Für den Schulbau und die Ausstattung sind an sich die Schulträger zuständig, die wir natürlich nach Kräften unterstützen. Aktuell stehen der Ausbau der digitalen Bildung und der Ganztagsausbau im Vordergrund. Das ist zum einen der DigitalPakt Schule. Im Saarland investieren wir insgesamt 67 Millionen Euro in die digitale Infrastruktur unserer Schulen, um sie auf die Höhe der Zeit zu bringen und gute digitale Bildung für alle Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. An mehr als jeder zweiten Schule laufen derzeit Maßnahmen. Zum anderen haben wir das Investitionsprogramm zum beschleunigten Infrastrukturausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. Das ist wichtig, weil Ganztagsangebote immer mehr in Anspruch genommen werden. Das Programm hat ein Gesamtinvestitionsvolumen von rund 12,8 Millionen Euro.

DAB: Das Gleiche betrifft die Raumlufttechnik. Diese sollte auf dem technischen Stand sein, dass sich die Kinder und Jugendlichen wohl fühlen, nicht müde und eben vor allem nicht krank werden. Oft lässt sich das baulich nur mit einer Be- und Entlüftungsanlage erreichen. Haben Sie einen Überblick, welche Schulen dieses Thema bereits angegangen sind? Und ob es bei der Planung von Neubauten eine Rolle spielt?

Ministerin: Natürlich spielt das Thema der Be- und Entlüftungsanlagen eine wichtige Rolle. Räume, die nicht ausreichend belüftet werden können, dürfen in der Pandemie auch nicht für den Unterricht benutzt werden. Dort, wo die Schulträger entsprechenden Bedarf festgestellt haben, wurden Luftfiltergeräte oder –anlagen angeschafft. Die saarländischen Kommunen und Kreise haben seit November 2020 gut 200 Klassenräume mit Luftreinigern ausgestattet.

DAB: Auch die Außenräume sollten entsprechend gestaltet sein, damit sich die Schülerinnen und Schüler in den Pausen unbeschwert begegnen können. Zudem wünscht sich Alexander Schwehm verpflichtende Freiklassen für den Unterricht an der frischen Luft. Was halten Sie von dieser Forderung?

Ministerin: Schulen sind soziale Lern- und Lebensorte, an denen immer mehr Kinder und Jugendliche fast den gesamten Tag verbringen. Damit werden Begegnungs- und Bewegungsräume auch im Freien wichtiger. Spie-len und Austoben in der Pause gehören natürlich dazu und es sollte Freude machen, in die Schule zu kommen. Der Unterricht an der frischen Luft kann eine gute Ergänzung zum Lernen im Schulgebäude sein. Es gibt übrigens auch wunderbar geeignete Lernorte außerhalb der Schule.

DAB: Was wünschen Sie sich für die nächsten Monate?

Ministerin: Mein Fokus liegt darauf, die Kinder und Jugendliche in unserem Land bestmöglich aus der Krise zu bringen. Wir müssen jetzt die Förderung und Unterstützung organisieren, die nötig ist, um die Krisenfolgen zu bewältigen und gute Zukunftsperspektiven für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen. Das hat für mich größte Priorität.

DAB: Frau Ministerin, vielen Dank für dieses Gespräch. Bleiben Sie gesund.