Alexander Schwehm; Foto: Werner Richner
Alexander Schwehm; Foto: Werner Richner

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

leider fällt unser traditioneller Neujahrsempfang wiederholt der Corona-Pandemie zum Opfer. Ein kleines Problem in dieser nicht enden wollenden Krise. Viel zu viele Menschen erkranken, viel zu viele Menschen sterben. Die Pandemie demonstriert uns sehr viele Defizite in unserer gebauten Umwelt. Durch geschickte Architektur und Stadtplanung lassen sich die AHA-Formel (Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske) und eine regelmäßige Lüftung leichter anwenden. Damit erhöht sich die Chance, gesund zu bleiben. Im öffentlichen Raum müssen Freiräume entstehen, in denen sich Menschen auf Abstand begegnen können. Auch Grundrisse müssen entsprechend umorganisiert werden. Auf Fluren von öffentlichen Gebäuden sollten ausreichend Hygienestationen zum Händewaschen und Desinfizieren bereitstehen. Großes Potenzial sehe ich in Lüftungskonzepten mit einer natürlichen Be- und Entlüftung als Querlüftung oder Belüftungsanlagen. Diese Beispiele zeigen schon, wie immens wichtig Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung bei der Pandemiebekämpfung sind. Priorisiert behandelt werden sollten meiner Meinung nach Schulgebäude. Kinder bringen die größten Opfer in dieser Pandemie. Und haben leider die kleinste Lobby, wie ich finde.

Nicht nur die Corona-Pandemie sorgt im Saarland für Veränderungen – sondern auch die fortschreitende Digitalisierung, der Strukturwandel, der demografische Wandel und der Klimawandel.

Denken wir nur an die Flutkatastrophe im Ahrtal. Viele verloren ihr Zuhause, ihr Hab und Gut. Viele konnten nur das retten, was sie am Leib trugen. Immerhin. Denn viele verloren sogar ihr Leben. Das Saarland blieb verschont – dieses Mal. Die Folgen der Katastrophe beschäftigen nun auch uns Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner. Wie können Infrastruktur, Landschaft und Gebäude geplant werden, damit Hochwasser nicht mehr solch verheerende Folgen haben? Und wie lässt sich der menschengemachte Klimawandel noch eindämmen?

Im Herbst vergangenen Jahres haben wir einen grenzüberschreitenden Kongress zum nachhaltigen Bauen mitorganisiert. Um Gebäude und Infrastruktur an den Klimawandel und dessen Folgen anzupassen, müssen Städte und Dörfer umgebaut werden. Marc Verdier von der Hochschule für Architektur in Nancy stellte die These auf: „Städte werden immer mehr zum Hinterland der ländlichen Gebiete.“ Den Medien habe ich kürzlich entnommen, dass der saarländische Immobilienmarkt offenbar erneut gewachsen ist. Der ländliche Raum sei wieder gefragter und es gelänge zunehmend, dort Immobilien zu verkaufen. Homeoffice und Homeschooling infolge der Corona-Krise spielen wahrscheinlich eine Rolle sowie auch günstigere Kaufpreise und ein größeres Angebot als in der Stadt.

Wohin sich nun Stadt und ländlicher Raum entwickeln, können wir Planenende nicht festlegen. Wir können aber begleiten und lenkend eingreifen, wenn es um Urbanität, Architektur und Baukultur geht.

Die allgemeinen Themen werden uns – unabhängig von einem staatlich festgeschriebenen Landesentwicklungsplan – von der Gesellschaft vorgeben:

  • die Energiewende, der Umwelt- und Klimaschutz, die Beeinflussung des Mikroklimas  sowohl in der Stadt als auch in der Peripherie
  • die Quartiersentwicklung, speziell im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Arbeitswelt
  • die Verkehrsentwicklung, z. B. Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs, von Radwegen und die Vernetzung mit den Nachbargemeinden
  • der Neubau und die Sanierung öffentlicher Bauten, vor allem von Schulbauten
  • der geförderte Wohnungsbau
  • die pandemiebedingte Veränderung des Stadtraumes und der öffentlichen Gebäude

Diese Liste ist natürlich nicht vollständig. Aber sie zeigt uns die Vielfalt an Herausforderungen und Aufgaben, die vor uns liegen. Die Zusammenarbeit aller Fachrichtungen ist pandemiebedingt stärker gefragt als zuvor. Packen wir es an. Ich wünsche Ihnen ein gutes Jahr 2022 und vor allem viel Gesundheit, Kraft und Stärke.

Ihr
Alexander Schwehm
Präsident