Zahlreiche Bauprojekte des Landes befinden sich in der Planung oder Umsetzung. Hinzu kommt die Bewältigung der Pandemiefolgen in der städtebaulichen und dörflichen Entwicklung. Alexander Schwehm, Präsident der Architektenkammer
des Saarlandes, hat sich mit Klaus Bouillon, saarländischer Minister für Inneres, Bauen und Sport über grundsätzliche Themen des Baubereichs ausgetauscht.

Schwehm: Herr Minister, Sie wissen, dass wir Ihre Forderung nach einem eigenständigen Bauministerium, das sich ausschließlich um den Baubereich kümmert, unterstützen. Ich bin der Meinung, dadurch ließen sich etliche „Reibungsverluste“ in den Verwaltungsabläufen reduzieren. Das Gleiche gilt für die Unteren Bauaufsichten: Eine Bündelung der Kompetenzen fördert die einheitliche Anwendung der Landesbauordnung (LBO). Deren Regelungen gelten für das ganze Saarland, weshalb es keine Rolle spielen sollte, wo eine UBA angesiedelt ist. Wichtig ist, dass sämtliche Behörden ausreichend mit geeigneten Fachkräften besetzt sind. Und für alle baufachlichen Leitungspositionen ist ein Studium der Fachrichtung Architektur, Stadtplanung oder Bauingenieurwesen unabdingbar.

Bouillon: Es ist kein Geheimnis, dass ich persönlich ein eigenständiges Bauministeriumfür notwendig halte. Die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte sind enorm. Der Großteil unserer öffentlichen Infrastruktur ist in den 1950er-1980er Jahren entstanden. Und es wurde viel zu wenig für Instandhaltung und Instandsetzung ausgegeben. Da ist ein riesiger Bedarf an Sanierung oder Ersatz. In den bisherigen Strukturen mit zu wenig Geld und Klaus Bouillon und Alexander Schwehm (Archivbild); Foto: Tom Gundelwein viel zu wenig Personal kann das nicht gelingen. Die Reduzierung von Schnittstellen ist dabei ein wesentlicher Punkt. „Viele Köche verderben den Brei“ gilt auch beim Bauen. Und wenn eine Entscheidung durch zig Hände muss, macht es das nicht schneller und – vorsichtig ausgedrückt – selten besser. Ganz wesentlich wäre eine ausreichende Personalausstattung. Ohne Menschen, die Projekte vorantreiben oder die notwendigen Genehmigungsverfahren
abwickeln, kann es nicht gehen. Bauen wird immer komplexer. Da braucht es Architekt*innen, Bauingenieur*innen und immer mehr Haustechniker*innen. Und das geht nur, wenn gutes Fachpersonal gewonnen werden kann. Der Fachkräftemangel
und das sehr starre Tarifsystem machen das nicht leichter. Zumal das Land schlechter zahlt als Bund und Kommunen.

Schwehm: Die Aufgabe eines Bauministers lässt sich nicht nebenbei erledigen. Zu der Vielzahl an Bauprojekten, die es zu bewältigen gilt, kommen die baulichen Veränderungen infolge der Corona-Krise hinzu. Zudem nehmen wir Architekten im Land eine fortschreitende „Überbürokratisierung“ wahr, die Bauprojekte verzögert und damit viel Zeit und Geld kostet. Eine Lösung kann die Digitalisierung sein, die durch die Pandemie einen enormen Aufschub erfährt. In diesen Bereichen muss das Bauministerium Vorbild sein.

Bouillon: Die Funktion des Ministers ist das eine, die Frage der Struktur und Kapazität eine andere. Ohne ausreichend „Indianer“ kommt auch ein noch so engagierter „Häuptling“ nicht weiter. Beides muss passen. Ich habe jetzt ein gutes, aber sehr kleines Team. Hochengagiert, aber die gehen auf dem Zahnfleisch. 

Es ist richtig, dass der Verwaltungsaufwand immer höher wird. Das haben wir als Landesregierung aber kaum in der Hand. Die meisten zusätzlichen Anforderungen kommen von außen und die Behörden müssen sie umsetzen. Seien es steigende Anforderungen aus den technischen Regelwerken, Bundesrecht oder dem europäischen Recht. Wenn man sich die Entwicklung beim Vergaberecht ansieht, dann macht die europäische Harmonisierung da nichts schneller oder einfacher. 

Bei Regelungen auf Landesebene versuchen wir uns auf notwendige Dinge zu beschränken. Hier kommt aber auch externen Stellen eine hohe Bedeutung zu. Wenn z. B. die LBO geändert wird, gibt es Anhörungen. Viele Lobbygruppen bringen dort oder schon vorab ihre Forderungen ein, die oft Standarderhöhungen auslösen. Aus Sicht der jeweiligen Gruppe sicher nachvollziehbar, die Frage ist aber, ob die Änderungen dann wirklich dem Allgemeinwohl weiterhelfen. Hier kommt auch der AKS eine wichtige Rolle zu. In den Anhörungen im Landtag können die Kammern ihr Fachwissen einbringen und auf schlanke und realistische Anforderungen drängen.

Schwehm: Ich sehe es als problematisch an, dass die meisten „guten Master-Absolvent* innen“, also diejenigen, die ihr Studium herausragend absolviert haben, das Saarland verlassen. In den öffentlichen Behörden arbeiten immer mehr Bachelor-Absolventen. Das bloß dreijährige Bachelor-Studium lässt allerdings nur Zeit zum Erlernen von Grundkenntnissen zu. Meiner Kenntnis nach gibt es an der htw saar am Fachgebiet Architektur (Schule für Architektur Saar – SAS) ca. zwei Drittel Bachelor- Studienplätze und ein Drittel Master- Studienplätze. Ich würde mir wünschen, dieses Verhältnis umzukehren. Wenn es mehr Master-Absolvent*innen gäbe, könnte das Saarland auf eine höhere Anzahl von breiter ausgebildeten Architektur-Absolvent*innen zugreifen.
 
Bouillon: Der Fachkräftemangel treibt mich auch um. Beim alten Diplom war die Regelstudienzeit an der htw neun Semester. Der Bachelor hat gerade mal noch sechs Semester. Dass man bei einem Drittel weniger Ausbildungszeit nicht die gleichen Ergebnisse erwarten kann, ist ganz klar. Das heißt, wir bräuchten strukturell mehr Master-Absolvent*innen, um die Aufgaben bearbeiten zu können. Ein Problem bei uns ist, dass der Stellenplan auf diese Änderungen nicht reagiert hat. Wir haben
zu wenige Stellen, über die wir Master-Absolvent* innen oder berufserfahrene alte FHIngenieur* innen angemessen bezahlen können. Das ist ein strukturelles Problem.
 
Schwehm: Im Saarland gibt es viele spezielle regionale Probleme, die angepackt werden müssen. Das sind zum Beispiel die Entwicklung des ländlichen Raumes oder die Folgen des demografischen und strukturellen Wandels. Hierfür bedarf es Lehrende, die im Studium diese Besonderheiten der saarländischen Begebenheiten vermitteln, damit die Absolvent*innen für ihre spätere Arbeit im Land bestens vorbereitet sind. Deswegen plädiere ich dafür, dass es mehr saarländische
Professor*innen und Dozent*innen an der SAS geben muss.
 
Das bringt mich zu einem weiteren Thema: der städtebaulichen und dörflichen Entwicklung des Saarlandes. Gerade für den ländlichen Raum wurde jetzt eine Rekordfördersumme von Bund und EU zugesagt. Im Hinblick auf die Pandemiefolgen wie z. B. das Innenstadtsterben oder die Zunahme des Homeoffices und damit der stärkere Einbezug auch von dörflichen Strukturen in die Arbeitswelt fordere ich einen „Runden Tisch“ aller Beteiligten.
 
Bouillon: Forschung und Lehre sind frei. Das hat Verfassungsrang. Deshalb muss eine Hochschule die Frage, wie sie sich inhaltlich und personell ausrichtet, zuerst mal für sich selbst klären. Ich bin aber bei Ihnen, dass Hochschulen sich auch mit Problemstellungen vor Ort beschäftigen sollten. Dann entsteht ein Mehrwert für alle. Dafür müssen die Dozent*innen nicht unbedingt von hier sein, manchmal hilft auch ein frischer Blick von außen. Aber es wäre schon hilfreich, wenn hauptamtliche Lehrkräfte nicht nur für die Vorlesungstage hier sind, sondern auch ein Verhältnis zur Region aufbauen und die Themen in die Lehre einbeziehen. Als langjähriger Bürgermeister liegt mir die Entwicklung in unseren Städten und Gemeinden
sehr am Herzen. Aus meiner Zeit in St. Wendel weiß ich, was es für ein hartes Brot ist, eine Innenstadt lebendig zu halten. Aber mit guten Ideen, viel Fleiß und guten Mitarbeiter*innen kann das gelingen. Ich bin auch froh, dass mein Kollege Reinhold Jost die zusätzlichen Gelder für den ländlichen Raum bekommen konnte. Wir arbeiten sehr gut zusammen und schätzen uns. Für einen runden Tisch bin ich offen, dann sollten aber die Themen vorher geklärt werden, damit auch greifbare Ergebnisse erzielt werden können und es nicht nur ein Kaffeekränzchen wird. 
 
Schwehm: Wir begrüßen, dass das Ministerium regelmäßig Architektenwettbewerbe auslobt und dass diese vorher mit dem AKSWettbewerbsausschuss abgestimmt werden. Ausschuss und Vorstand arbeiten unaufhörlich daran, sämtliche Landkreise, Städte und Kommunen vom Instrument des Planungswettbewerbes mit all seinen Vorteilen zu überzeugen. Dabei hilft die Vorbildfunktion des Ministeriums sehr.
 
Bouillon: Vielen Dank Herr Präsident. Wettbewerbe haben den großen Vorteil, dass man eine Vielzahl an Lösungsvorschlägen für eine konkrete Aufgabe bekommt. Bei einer großen Investition ist er deshalb ein wertvolles Instrument der Qualitätssicherung. Die beste Lösung fürs Geld. Trotzdem müssen wir immer bewerten, ob Bedeutung, Standort, funktionale Herausforderungen der Bauaufgabe usw. den Aufwand eines Wettbewerbes rechtfertigen. In der Regel handelt es sich um Projekte mit prominenten Standorten in Innenstadtlagen oder an den Universitätsstandorten in Saarbrücken und Homburg.
 
Schwehm: Wünschenswert wäre, wenn mehr saarländische Kolleginnen und Kollegen sich bei Verfahren durchsetzen würden. Setzen sie sich in den Verfahren nicht durch, tritt mit der Zeit eine Abwärtsspirale ein: Es können über die Jahre nicht genügend Referenzprojekte gesammelt werden, die jedoch bei jedem Verfahren abgefragt werden. Das müssen wir verhindern. Aus diesem Grund möchte die AKSdie Kammermitglieder mit gezielten Schulungen besser auf Vergabeverhandlungen vorbereiten. 
Und besonders wünschenswert wäre, wenn bei der Ausschreibung auf den Nachweis von Referenzen gänzlich verzichtet oder zumindest deren Fertigstellungszeitraum nicht eingegrenzt würde. Denn meiner Meinung nach macht nachhaltige Architektur aus, dass Gebäude auch nach 25 Jahren nicht an Qualität, Aktualität und Wertigkeit verlieren.
 
Bouillon: Ein Problem ist das, vor allem bei europaweiten Vergabeverfahren nach der VgV. Im Bereich unterhalb der EU-Schwelle vergeben wir die meisten Aufträge nach nationalem Recht an regionale Büros, was für diese auch eine Möglichkeit ist, Referenzen zu erwerben.
 
Aber im Prinzip teile ich ihre Sorge. Durch die jahrzehntelange zu geringe Finanzausstattung der saarländischen Städte, Gemeinden und der Landesebene wird zu wenig investiert. Das führt auch dazu, dass Büros wenig Gelegenheiten haben, in ihrem direkten Umfeld Referenzen zu erwerben. Ein klarer Nachteil der saarländischen Büros gegenüber Büros aus finanzstärkeren Regionen. Wir wissen das, und meine Leute versuchen, das auch zu berücksichtigen. Deshalb fordern wir Referenzen nur im absolut notwendigen Rahmen an. Deren Alter ist dann nicht unwichtig, insbesondere im Hinblick auf aktuelle technische Lösungen, zum Beispiel für den Klimaschutz. Aber ganz ohne Referenzen geht es eben nicht. Ein Beispiel: Wir bauen ein kompliziertes Laborgebäude in zweistelliger Millionenhöhe für eine unserer Hochschulen. Dann müssen wir schon ein Büro verpflichten, das sowas oder zumindest etwas Vergleichbares schon erfolgreich geplant und umgesetzt hat.
 
Ich würde mich sehr über mehr erfolgreiche saarländische Bewerbungen in VgV-Verfahren freuen. Das sichert hochwertige Arbeitsplätze im Land und leistet einen Beitrag zum Kompetenzaufbau und -erhalt.
 
Aber diese EU-Verfahren sind sehr stark formalisiert und lassen wenig Spielräume. Deshalb ist es für einen Auftrag zwingend notwendig, dass die Büros sowohl im schriftlichen Teil als auch beim Bietergespräch überzeugend ihre Leistungsfähigkeit und Stärken inhaltlich und im Auftritt zu den abgefragten Punkten darstellen.
 
Die Schulungen der Kammer begrüße ich daher ausdrücklich, und meine Fachleute unterstützen da auch, wenn gewünscht.
 
Schwehm: Ihr Angebot nehmen wir gerne an. Sehr herzlichen Dank, Herr Minister, für dieses Gespräch.