Am 24. Oktober veranstaltet die Architektenkammer des Saarlandes eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Nullemissionsgebäude als Klimaretter – Bestehende und künftige Vorgaben auf europäischer und nationaler Ebene“. Aber welche Gebäude-Richtlinien gibt es bereits in Deutschland und Europa? Welche Vorgaben dürfen wir zukünftig erwarten und welche Ziele verfolgen diese Gebäude-Vorgaben? Hierzu sprachen wir mit dem Impulsreferenten der Veranstaltung Johannes Hauck, Corporate Affairs Director der Hager Group AG. 
 
Was versteht man unter einem Nullemissionsgebäude? 
Hauck: Die Definition von „Nullemissionsgebäude“ wurde gerade in der neuen EPBD (Energie Performance Building Directive) integriert. Dort werden drei Aussagen getroffen: 
Ein Nullemissionsgebäude hat ein Höchstmaß an Energieeffizienz, d. h. man versucht, das Gebäude – innen und außen – dem Effizienzgedanken zu unterwerfen. Man versucht, den Energieverbrauch möglichst stark zu minimieren. Sollte noch Energie zusätzlich benötigt werden, soll diese Energie lokal erzeugt werden. Lokale Erzeugung bedeutet, dass die Energie am oder auf dem Gebäude erzeugt wird. Das geschieht in der Regel durch regenerative Energien wie Solarzellen, Solarthermie oder Fassadenkollektoren.
 
Es gibt jedoch auch Gebäude, die nicht den kompletten Energiebedarf mit diesen regenerativen Energien decken können und zusätzliche Energie benötigen. In der EPBD steht, dass diese Energie nicht vom Netz, sondern von einer sogenannten Energiegemeinschaft bezogen wird. Bei einer Energiegemeinschaft wird Energie lokal zwischen Bürgern gehandelt.
 
Die drei Kriterien eines Nullemissionsgebäudes nach der EPBD sind demnach ein Höchstmaß an Effizienz, eine lokale Energieerzeugung und das Beziehen zusätzlicher Energie durch Energiegemeinschaften. 
 
Welches Ziel verfolgen die Gebäudevorgaben, über die wir mit Ihnen in der Podiumsdiskussion am 24.10. diskutieren möchten?
Hauck: Grundsätzlich muss man zwischen Zielen im Neubau und Zielen im Bestand unterscheiden. Ziel beim Neubau eines Gebäudes ist es, dass es nach den zuvor erläuterten Gesichtspunkten gebaut wird. Hinzu kommt in Deutschland – und später auch in Europa – der Nachhaltigkeitsgedanke. Denn jeder Neubau ist irgendwann eine Bestandsimmobilie. Alles, was man nicht vorbereitet, muss man später aufwendig und auch kostenintensiv nachrüsten und das ist nicht im Sinne des Erfinders. 
 
Das größere Potenzial bietet jedoch der Bestand. 20 % aller Gebäude in Deutschland wurden vor 1945 gebaut. Einige dieser Gebäude wurden noch nicht saniert und haben eine sehr alte Technik, was sowohl die Heizungsanlage als auch die Elektrotechnik betrifft. Ziel hierbei ist es zu überlegen, wie eine Sanierung angegangen wird, ob diese überhaupt noch sinnvoll ist und wenn ja, unter welchen Auflagen. Die Richtlinie aus Europa hat hierbei besonders den Ausspruch „worst first“ geprägt  - das heißt die sehr alten und ineffizienten Gebäude sollen zuerst saniert werden. Hierbei gibt es verschiedene politische Ansätze, die diskutiert werden. Dabei wird über Zwang gesprochen, aber auch über Hilfen. 
 
Konsens ist jedoch, dass der Bestand saniert werden muss und dann gilt auch wieder die Devise Nullemissionsgebäude. Es muss unser Ziel sein, dass wir den Bestand an diesen Standard ranführen – auch wenn dies nicht bei allen Gebäuden gelingen wird.
 
Können Sie kurz skizzieren, welche Gebäude von den bereits angesprochenen Vorgaben betroffen sein werden?
Hauck: In der EPBD wird grundsätzlich nicht nach Gebäudetypen wie beispielsweise Einfamilienhäusern, Mehrfamilienhäusern oder Gewerbeimmobilien unterschieden. Es gibt nur eine Definition eines Nullemissionshauses und keine drei oder vier für verschiedene Gebäudetypen oder Gebäudegrößen. Es wird nur zwischen Bestand und Neubau unterschieden.
 
Es gibt jedoch auch andere Richtlinien wie beispielsweise den sogenannten Re-Power-Plan. In diesem Re-Power-Plan wird eine Photovoltaik-Pflicht für Gebäude vorgeschlagen. Hierbei wird zwischen öffentlichen Gebäuden, Gewerbeimmobilien und Wohngebäuden unterschieden. Gewerbeimmobilien machen in Deutschland nur einen kleinen Teil aller Gebäude aus, etwa 15 %. Diese haben jedoch die größten Dachflächen. Daher soll laut des Re-Power-Plans zunächst den Neubauten im Bereich der öffentlichen und der Gewerbeimmobilien eine Photovoltaik-Pflicht auferlegt werden. In einem zweiten Schritt soll diese auch für alle bestehenden Gebäude dieses Typs gelten. Erst danach ist der Neubau im Wohnbereich an der Reihe. Der Zeithorizont und die Umsetzung werden jedoch noch in den Parlamenten diskutiert. 
 
Können Sie erläutern, wie groß das CO2-Einsparpotenzial durch energieeffiziente, moderne Gebäude ist?
Hauck: Grundsätzlich ist das natürlich fallabhängig. Dennoch kann durch eine Photovoltaik-Anlage in Kombination mit einem Speicher, einer Wärmepumpe und einer Ladeinfrastruktur das gesamte Haus elektrifiziert und fossile Brennträger ersetzt werden. Das Haus ist somit CO2-frei. Das gilt dann jedoch nur für den laufenden Betrieb des Hauses. Die Entstehung des Hauses ist dennoch mit CO2 behaftet. 
Das bedeutet nicht, dass man die gesamte Energie im laufenden Betrieb selbst erzeugt und auch selbst verbraucht hat, wir sind hier bei Quoten von bis zu 80 % was über das Jahr gesehen erreicht wird. Da sind Monate dabei, die sind wesentlich besser, da gibt es ein Überangebot an regenerativen Energien und dann kommt es natürlich darauf an, wie mit diesen Überschüssen umgegangen wird. Denn nicht jeder wird in eine solche Elektrifizierung investieren können und wollen. Diesen Menschen sollte man jedoch auch die Möglichkeit geben, CO2 zu reduzieren, indem sie diese Überschüsse regenerativer Energie von Nachbarn beziehen können. Die hier angesprochenen Richtlinien zielen darauf ab, dass Überschüsse an einer anderen Stelle sinnvoll genutzt werden. Eine lokale Nutzung in den bereits angesprochenen Energiegemeinschaften. 
 
Im Neubau sind wir in der Lage, 100 % CO2-frei zu sein und zu circa 80 % können wir die regenerative Energie nutzen, die wir selbst erzeugt haben. Das ist der Standard, aber wir werden uns auch weiterentwickeln und ich bin der Meinung, dass noch großes Potenzial zur Innovation besteht. Wir brauchen jedoch auch Regulation, die diese Innovation zulässt. 
 
Interview: Maria Balzert 
 
Podiumsdiskussion:
Nullemissionsgebäude als Klimaretter – bestehende und künftige Vorgaben auf europäischer und nationaler Ebene 
Wann: Mo, 24.10.2022, 18 Uhr
Wo: East Side Fab, Eschberger Weg 40, 66121 Saarbrücken
 
1 Punkt gemäß Fortbildungsordnung, 
Anmeldungen an info@aksaarland.de