Diskussionsveranstaltung der Stiftung Baukultur Saar in Sulzbach

Bei einer Diskussion mit den Bürgermeistern Michael Adam (Sulzbach) und Jochen Kuttler (Wadern) ging es um Fördergeld, Veränderungen der Innenstädte, über den Kampf den Leerständen. Und darüber, wie „der soziale, architektonische und gesellschaftliche Abstieg des Saarlandes“ vermieden werden kann.
 
Stadtentwicklung abseits der Landeshauptstadt Saarbrücken: Welche Probleme haben saarländische Kleinstädte? Welche Potenziale? Diese Fragen waren am Montagabend das Fundament einer Diskussion, zu der die Stiftung Baukultur Saar eingeladen hatte. Nach Sulzbach - in die Aula des alten Gymnasiums. Damals Auditorium, heute Veranstaltungsraum, Konzertsaal, Theaterbühne, Galerie. „Unser Schmuckkästchen“, wie Podiumsgast Michael Adam (CDU) sagt. Der Sulzbacher Bürgermeister kennt die Geschichte, wie die Stadt das Gymnasium 2008 zur Kulturspielstätte ummodelte. Stadtentwicklung in Reinkultur. Zumal sie die alte (größere) Stadthalle daneben abriss.
 
16500 Einwohner hat Sulzbach mit seinen sechs Stadtteilen auf 16 Quadratkilometern - damit leben knapp 1000 Menschen auf einem Quadratkilometer der tradierten Bergbauregion vor den Toren Saarbrückens. In Wadern, im „ländlichen Raum“, leben knapp 16000 Menschen auf 111 Quadratkilometern in 13 Stadtteilen. Macht im Schnitt nur 141 Einwohner auf einem Quadratkilometer. „Mein Garten hat 3000 Quadratmeter“, sagt Waderns Stadtoberhaupt Jochen Kuttler (parteilos), auch um die Unterschiede der Städte zu verdeutlichen. Er saß neben Adam auf dem Podium, auf dem die Moderatoren Ilka Desgranges (Saarbrücker Zeitung) und Patrick Wiermer (Saarländischer Rundfunk) Fragen stellten. Zu Fördergeldern, Veränderungen der Innenstädte, zu Leerständen, zu Lösungen.
 
Hat Corona Auswirkung auf die Stadtplanung gehabt? „Wir bauen zum Beispiel Raumluftanlagen in den Schulen nun fest ein“, antwortet Kuttler. Auch das „Tempo der Digitalisierung der Verwaltung“, habe während Corona angezogen, sagt Adam. Der Sulzbacher Stadtrat sei einer „der ersten im Land, der komplett digital tagen kann“. Auch in Wadern habe es einen (weiteren) Digitalisierungsschub gegeben. Aus der Pandemie seien auch die „Videokonferenzen geblieben“, sagt Kuttler – und sowieso: „Der ländliche Raum hat keine Chance, wenn er keine Glasfaseranbindung hat. Ich will, dass jedes Haus angeschlossen ist.“ Die schnelle Internetverbindung schaffe „Wohnattraktivität“, sie werde gebraucht, nicht nur von den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, die zweieinhalb Tage die Woche zu Hause arbeiten dürfen. „Das klappt sehr, sehr gut“, betont Kuttler, der zugibt: „Den Mut zur mobilen Arbeit hatte ich vor Corona nicht.“
 
Auch Adam kennt corona-beschleunigte Veränderungen. Leerstände in der Sulzbachtalstraße zeichnen gerade ein müdes Straßenbild. Dabei habe die Stadt ihre Urbanität auch immer über diese Straße definiert, sagt Adam. Eine ehemalige Geschäftsstraße mit Häuserfassaden aus dem Jugendstil, der Gründerzeit – teils unter Denkmalschutz stehend. Die „Blütezeit der Straße“ im vergangenen Jahrhundert. Heute das Kaufen im Internet, auf der grünen Wiese. „Wir müssen auch mal den Mut haben, den Bürgern zu sagen, es wird wahrscheinlich nicht mehr so eine Einkaufsstraße stattfinden können“, befürchtet Adam. Sondern? „Wohnen“, sei eine weitere Möglichkeit, sagt der Bürgermeister. Für ältere Menschen, die außerhalb des Stadtkerns leben – und lieber in Fußwegdistanz zu Ärzten, Apotheken und Lebensmittelgeschäften leben wollen. Den Stadtpark hinter der Straße will die Stadt ausbauen, um die Wohnlage „zu attraktivieren“. Hinter dem Haus Grün, vor dem Haus Innenstadt. Auch mehr studentisches Wohnen will der Bürgermeister nach Sulzbach bringen, da Sulzbach näher an der Uni dran ist, als manch Saarbrücker Stadtteil. „Ich glaube an die Konversion der Innenstadt“, sagt Adam.
 
Auch Wadern glaubt an seine „Innenstadt“. Kuttlers Rezept: „Exzellenz, Beratung oder Place to be“, wie zum Beispiel ein Möbelbauer vor Ort, der „fancy“ Möbel herstellt. Das funktioniere besser „wie der siebte Einzelhändler“, sagt Kuttler. In den vergangenen „fünf Jahren gibt es keine Ansiedlung bei uns in der Innenstadt, an der wir nicht beteiligt waren. Wir sind aktiv auf die Leute zugegangen.“ Auch auf Restaurants. Zusätzliche Premiumwanderwege haben sie in und um Wadern angelegt, um Biergärten und Restaurants Laufkundschaft zu besorgen. Die Dinge ändern sich. Und jeder hat seine eigenen, „passgenauen Lösungen“.
 
Was sich nur schwerlich ändert, sei der „Bürokratiewahnsinn, wenn es um Fördergelder geht“. Der sei unbeschreiblich, sagt Kuttler. Seine Stadt habe extra einen Förderlotsenposten geschaffen, mit einer Frau besetzt, „deren Arbeit sich schon längst bezahlt gemacht hat“. Im zweistelligen Millionenbereich gingen Fördergelder ein. „Zu fördern gibt es genug“, die Infrastruktur sei seit 20 Jahren vernachlässigt. „Sträflich“, wie der Bürgermeister sagt. Adam hat mit seiner Stadtverwaltung - um an Nachhaltigkeitsfördergelder zu kommen - mit externen Förderexperten zusammengearbeitet. Solche Anträge überfordern viele Kommunen, daher sehen Adam wie Kuttler eine politische Lösung darin, Förderlotsenposten zentral anzusiedeln.
 
Aber selbst wenn das Geld komme, fehle es manchmal an Mitarbeitern, an Fachkräften auf den Ämtern. „Wir könnten viel mehr machen, wenn wir anders aufgestellt wären“, sagt auch Kuttler. „Wir geben im Schnitt 289 Euro pro Bürger unserer Kommune im Jahr aus, in Bayern sind es 1890 Euro pro Einwohner. Da braucht man nicht mehr lange nach Ursachen forschen.“ „Mehr Geld“ und „Entbürokratisieren“, sind auch Adams große Wünsche. Ohne mehr Geld sei „der soziale, architektonische, gesellschaftliche Abstieg im Saarland nicht aufhaltbar“, sagt Kuttler. Doch wo soll es herkommen? Der „Aufbau West“ sei eine „gesamtdeutsche Aufgabe“ - so wie es der Aufbau Ost gewesen sei, sagen beide. Um alte Baukultur in kleinen Städten zu erhalten – und um sie neu zu nutzen, müsse der Bund (einfacher) helfen. Vor allem im Saarland. Das stand nach 90 Minuten Diskussion fest. 
 
Text: Michael Kipp, Saarbrücker Zeitung