Veranstaltung der Stiftung Baukultur Saar, des Saarpfalz-Kreises und dem Biosphärenzweckverband Bliesgau

 

­Straßenräume prägen Orte und Kulturlandschaften – am Mittelrhein wie auch im Bliesgau. Die UNESCO hat beiden Landstrichen eine besondere Qualität attestiert und damit auch Verantwortung hinterlassen. Diplom-Ingenieurin Julia Holzemer-Thabor von der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz und Diplom-Ingenieur und Bauassessor Dirk Fischer, Professor an der Hochschule Koblenz, stellten den Leitfaden Straßenraumgestaltung am Beispiel UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal vor. Damit wurde die Veranstaltungsreihe „Potenziale“ auf Einladung der Stiftung Baukultur – Saar in Kooperation mit dem Biosphärenzweckverband Bliesgau im Saal der CJD Homburg fortgesetzt. Begrüßt wurden die Gäste durch Landrat Theophil Gallo.

Während im Mittelrheintal beidseitig des Rheins hoch belastete Bundesstraßen durch das Tal führen, gibt es im Bliesgau zentrale Ost-West-Verbindungen wie die B 40 – Napoleons historische Kaiserstraße von Metz nach Mainz – und insbesondere die B 423, die Orte im Mandel- und Bliestal durchschneidet und eine beliebte Abkürzung für die Verkehre von Frankreich in Richtung Karlsruhe und Süddeutschland ist.

Straßen haben einen wesentlichen Einfluss auf das Erscheinungsbild einer Kulturlandschaft. Und das sowohl außerhalb als auch innerhalb der Ortslagen. Die Initiative Baukultur Rheinland-Pfalz hat den Leitfaden zur Straßenraumgestaltung im Welterbe Oberes Mittelrheintal mit dem Ziel entwickelt, die spezifischen Eigenschaften der Kulturlandschaft zu bewahren. Dabei geht es um die qualitätsvolle und regionaltypische Gestaltung der Straßen und Plätze in städtebaulicher, verkehrsplanerischer und in landschaftsplanerischer Hinsicht.

Bingen und Rüdesheim bilden das südliche Tor zum Oberen Mittelrheintal, das sich von dort rund 67 Kilometer bis nach Koblenz am Deutschen Eck, wo die Mosel in den Rhein mündet, erstreckt. Die Schönheit der Natur, überwältigende Panoramen, eine Vielzahl an Burgen und Schlössern über sonnenbeschienenen Weinhängen und nicht zuletzt der steil aufragende Loreley-Felsen machen das Tal zu einem romantischen Sehnsuchtsziel für Touristen aus aller Welt. Seit zwei Jahrtausenden schon ist das Obere Mittelrheintal ein wichtiger Verkehrsweg zwischen dem Süden und dem Norden Europas.

Die baukulturelle Vielfalt macht den besonderen Reiz des Oberen Mittelrheintals aus. Diese zu bewahren und fortzuentwickeln hat sich die Initiative zur Aufgabe gemacht. Gemeinsam mit der Hochschule Koblenz, dem Landesbetrieb Mobilität und einer Arbeitsgruppe aus verschiedenen Fachleuten hat die Initiative den Leitfaden, der sich an Straßenbauverwaltungen, kommunale Bauverwaltungen, politischen Entscheidungsträger und an die interessierte Öffentlichkeit richtet, entwickelt. Und immer geht es darum, die Aufenthalts- und Lebensqualität für die Menschen zu verbessern.

Julia Holzemer-Thabor erklärte zunächst relevante historische Zusammenhänge. 2002 hatte die UNESCO das obere Mittelrheintal als fortbestehende Kulturlandschaft anerkannt. Damit verbunden war die Aufforderung zur Wahrung der Einzigartigkeit und der Unversehrtheit der Welterbestätte. Im Jahr 2006 wurde die Initiative Baukultur für das Welterbe Oberes Mittelrheintal gegründet. Holzemer-Thabor zeigte anhand von Fotos Problemstellungen auf: Überdimensionale Straßen, städtebauliche Probleme, Trennung der Orte vom Rheinufer, Bahn- und Verkehrslärm, Leerstand und Standortprobleme für gewerbliche Nutzungen. Sie erläuterte die Aufgaben und Ziele der Initiative Baukultur, die lebenswerte Räume gestalten und dabei soziale, ökonomische und ökologische Belange berücksichtigen, aber auch die baukulturelle Identität der Region bewahren und fortentwickeln möchte. Dabei gehe es um landschaftsgerechtes, innovatives und zeitgemäßes sowie nachhaltiges Bauen. Die Initiative arbeite mit einem Netzwerk von Kooperationspartnern, das öffentliche und private Bauherren berät, aber auch gemeinsame Projekte mit Kammern, Verbänden und Hochschulen entwickelt. Dabei initiiert sie auch Realisierungswettbewerbe, Workshops und Prämierungen vorbildlicher Vorhaben. Julia Holzemer-Thabor erklärte, warum es einen Leitfaden Straßenraumgestaltung geben muss, was er leistet und warum er in der Kategorie Baukultur mit dem Deutschen Ingenieurpreis Straße und Verkehr 2021 ausgezeichnet wurde. Sie erläuterte aber auch, wie gute Planungsprozesse gelingen, nämlich indem qualitätsvolles Bauen bereits in einer sehr frühen Leistungsphase alle beteiligten Fachdisziplinen einbezieht. Als gelungenes Beispiel stellte sie die Stadt St. Goar vor. Hier wurde aus ihrer Sicht alles richtig gemacht.

Prof. Dipl.-Ing. Dirk Fischer sprach im zweiten Teil der Veranstaltung über die Bedeutung des öffentlichen Straßenraumes für das Bild der Kulturlandschaft. Der Bauassessor und Spezialist im Verkehrswesen machte auf die Problematik der trennenden Wirkung zwischen Ortschaft und Fluss durch Straßen und Bahnlinien aufmerksam. Auch heute noch seien die Ortschaften durch eine dichte Bebauung gekennzeichnet. Der Autoverkehr nimmt in allen Bereichen sehr viel Raum ein. Der Umgang damit sei eine Herausforderung. Die Gestaltqualität der Straßen werde von einer angemessenen Querschnittsgestaltung, von Materialwahl, Ausstattung und Grünanteil bestimmt. Wichtig sei ein proportioniertes Verhältnis von Flächen für Fahrverkehr, ruhenden Verkehr sowie Rad- und Fußverkehr. Die richtige Materialwahl müsse sich an der Funktionsfähigkeit, den Anforderungen an Barrierefreiheit, an regionaltypischen Baustoffen und an ortstypischen Farben sowie an einer qualitätsvollen Alterungsfähigkeit orientieren.

Grundsätzlich empfiehlt Fischer die Betonung der Ortseingänge durch Baumtore oder optische Straßenverengungen, die Aufhebung der Trennwirkung der Straßen, größeres Flächenangebot für Fußgänger sowie die Entwicklung alternativer Stellplatzkonzepte. Darüber hinaus solle es mehr Grün im Straßenraum geben. Fischer sprach auch über die Probleme der Barrierefreiheit, über die Verbindungsfunktion verschiedener Straßenarten, über Radwege und die Einbindung von passiven Schutzeinrichtungen in das Landschaftsbild. Er zeigte auf, wie die Gestaltung des öffentlichen Straßenraums im Spanungsfeld zwischen den gesetzlichen und technischen Vorgaben und der regionalen Baukultur gelingen kann.

Im Anschluss an die Vorträge moderierte der Geschäftsführer des Biosphärenzweckverbandes, Dr. Gerhard Mörsch, eine Fragerunde.

Info: Das Biosphärenreservat Bliesgau ist ein Biosphärenreservat der UNESCO im Südosten des Saarlandes an der Grenze zur französischen Region Lothringen und Rheinland-Pfalz. Es umfasst eine Fläche von ca. 36.000 ha und wird vor allem von Wäldern, Streuobstwiesen und Auenlandschaften der Blies geprägt. 

 

Text: Iris Maurer