Was ist Heimat? Wo ist Heimat? Diese Fragen dienten als Ausgangspunkt für eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion, zu der die Stiftung Baukultur Saar ins VHS-Zentrum am Saarbrücker Schloss eingeladen hatte und die den Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe mit dem Thema Heimat bildete. Als Moderatoren konnten Barbara Renno von SR 2 sowie der Theologe und Schriftsteller Prof. Dr. Dr. Klaas Huizing gewonnen werden, die dialogisch und durchaus kurzweilig durch den Abend führten.
 

Dass sich der Heimatbegriff nicht so leicht fassen lässt, wie die Definition im Duden suggeriert – „1. Ort, an dem man zu Hause ist, Geburts-, Wohnort; 2. Vaterland; 3. Herkunftsland“ –, wurde bereits mit den ersten Statements der geladenen Podiumsteilnehmer klar. Bei dem renommierten FAZ-Redakteur und Architekturkritiker Dr. Dieter Bartetzko etwa, so konnten die Zuschauer im voll besetzten Vortragssaal erfahren, stellt sich ein Heimatgefühl ein, wenn er auf dem Weg von seinem Wohn- und Arbeitsort Frankfurt am Main die Burg Neuleiningen passiert und sich langsam seiner Geburtsstadt Rodalben in Rheinland- Pfalz nähert, dort wo auch das Haus seiner Großeltern steht, das in ihm ein angenehmes Gefühl von Geborgenheit aufsteigen lässt. Wenngleich der ebenfalls auf dem Podium vertretene Schriftsteller und Sprecher Gert Heidenreich, der 2013 zusammen mit Edgar Reitz in der Kategorie Bestes Drehbuch für den Film „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, eine grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber dem Begriff Heimat bezog, unterschied sich seine Definition von Heimat letztlich dennoch nicht grundlegend von der Bartetzkos.

 

Schon der deutsche Lyriker Christian Morgenstern hatte erkannt, dass „man (nicht da) daheim (ist), wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird“. Das Heimatverständnis hängt folglich wesentlich vom subjektiven Empfinden, der individuellen persönlichen Erfahrung jedes Einzelnen ab. In diesem Sinne versteht Heidenreich Heimat eher als Gefühl der Zugehörigkeit, was er aber nicht mit dem Gefühl des Sich-Wohlfühlens verwechselt wissen will, denn – so Heidenreich – „ich fühle mich wohl auf der Piazza Navona in Rom, aber ich sehe dort keine Heimat für mich“. Dennoch ist in seinen Augen Heimat nicht zwangsläufig mit der geografischen Herkunft verbunden, „Heimat muss man sich (vielmehr) aktiv erwerben und wird einem nicht in die Wiege gelegt“. Gleichzeitig ist für ihn Heimat aber auch etwas, das man ständig verliert. Die Ausbildung eines solchen von Heidenreich beschriebenen Zugehörigkeitsgefühls war indes für den dritten Gesprächsteilnehmer aufgrund seiner Biografie schwer: Als Sohn eines Wanderarbeiters mit häufig wechselnden Wohnorten konnte sich bei Feridun Zaimoglu, einem deutschen Schriftsteller türkischer Herkunft, ein solches Gefühl dazuzugehören nicht recht einstellen. Für ihn, der sich in seinen Jugendjahren in der Berliner Hausbesetzerszene bewegte, zählte vielmehr das „Gefühl, Teil einer herrlichen Horde zu sein“. Heimat habe deshalb für ihn eher etwas mit Unruhe zu tun, sei aber aufgrund seiner familiären Herkunft – seine Familie stammt ursprünglich aus Armenien und Tschetschenien – auch mit Melancholie behaftet.

Unbewusst oder bewusst – trotz aller subjektiven Verschiedenheit spielten bei allen Diskussionsteilnehmern bestimmte Orte und Architekturen eine wichtige Rolle bei der Annäherung an den Heimatbegriff, der nicht zuletzt Züge romantischer Verklärung aufweist: bei Bartetzko das großelterliche Haus im rheinland-pfälzischen Rodalben, bei Heidenreich das Zugehörigkeitsgefühl an seinen heutigen Lebensmittelpunkten Starnberger See und Normandie, bei Zaimoglu früher die besetzten Häuser als ideologische und heute Kiel als geografische und soziale Heimstatt. Die Frage, ob Architektur ein Heimatgefühl produzieren könne, bejahte Dieter Bartetzko sofort und untermauerte die These mit dem jüngsten Beispiel aus seiner Wahlheimat Frankfurt. Gerade in der Stadt, die sich mit ihren Hochhäusern und ihrer Skyline nach dem Vorbild amerikanischer Großstädte eine zukunftsweisende moderne Architektur auf die Fahnen zu schreiben sucht, werden derzeit am Römerberg acht historisch bedeutsame Bauten unter Berücksichtigung der alten, bewährten Parzellierung rekonstruiert und so ein Ensemble in seinen Grundzügen wiederhergestellt, das seit dem ausgehenden Mittelalter das Gesicht und das Leben der Stadt Frankfurt maßgeblich geprägt hatte.

Das, was Kritiker als rückwärtsgewandte Nostalgie anprangern könnten, ist nach Bartetzko indes ein „Bedürfnis nach Halt“, die Motivation für ein solches Projekt „Heimweh“. Sein Credo lautet daher: „Architektur soll eine Insel im Strom der Zeit darstellen“. Trotz seines Einwands, dass Rekonstruktion nicht Heimat wiederherstellen könne, sondern man so nur ein Ambiente erzeuge, das an die Vergangenheit anknüpft, bestätigte Gert Heidenreich mit dem von ihm angeführten Beispiel internationaler Hotelarchitektur indirekt Bartetzkos „Insel-Theorie“. Die völlig identische Ausstattung und Architektur moderner Hotels in aller Welt sei zwar der Versuch, dem Gast eine vertraute Umgebung, also „Heimat“ zu bieten, doch genau das Gegenteil sei das Ergebnis: Das fehlende Lokalkolorit lasse diese Wohnungen auf Zeit zu seelenlosen Architekturen mutieren. Feridun Zaimoglu übernahm auch in dieser Frage wieder den Part des Rebellen und wandte sich gegen die Gentrifizierung einzelner Stadtviertel und gegen die „Spießer, die auf der Terrasse über Heimat reden“, weil zum bürgerlichen Gefühl das Bekenntnis zur Heimat gehört, obwohl gerade sie es waren, die die alteingesessenen Bewohner aus ihren Wohnungen vertrieben, sie also ihrer Heimat beraubt hatten.

Doch was müssen wir von den Planern und Architekten verlangen, damit Architektur „Heimat“ bieten kann? „Das Gefühl spielt in jedem Fall eine viel wichtigere Rolle, als die Architekten und Architekturkritiker wahrhaben wollen“, so Bartetzko. Wichtig sei jedoch, mit Architektur eine Zeichenhaftigkeit zu erzielen, die man mit einem Blick erfasst und die sich sofort einprägt. Als gelungenes Beispiel hierfür nannte der Journalist das von den Chinesen liebevoll als „Vogelnest“ bezeichnete Nationalstadion in Peking mit identitätsstiftender Wirkung. Nicht geglückt sei dieser Versuch hingegen beim Potsdamer Platz, wo „der Kommerz ihm (dem Architekten Renzo Piano) den Plan sozusagen aus den Händen genommen und nach seinen Zwecken ins Maßlose vergrößert hat“. Die ursprünglich vorgesehenen Traufhöhen beispielsweise wurden hier nicht eingehalten und alles ins Gigantische übersteigert, sodass eine gesichtslose, unpersönliche Architektur entstanden ist. Nach Ansicht Bartetzkos „gibt es zu wenig Gestaltungsbeiräte und vor allem Gestaltungssatzungen. (…) Es gibt auch zu wenige Regelungen für die Stadtgestaltung. Und es gibt zu wenig mutige Architekten. Die Architekten lassen sich viel zu oft zum Vollzugsgehilfen der Investoreninteressen machen“.

Welche Schlussfolgerung können wir also aus diesen kritischen Tönen ziehen? Die Architekten und Stadtplaner sind gefordert, durch entsprechende Verordnungen, mehr Mut und weniger Kommerzbindung Stadträume und Architekturen zu schaffen, mit denen wir uns identifizieren können, die für uns „Heimat“ werden. Damit es uns ähnlich ergeht wie dem von Friedrich Nietzsche beschriebenen antiquarischen Menschen: „Die Geschichte seiner Stadt wird ihm zur Geschichte seiner selbst; er versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung, das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust, sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder.“ (Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874, § 3).

Dr. Eva Dewes

 

(Fotos: Iris Maurer. Foto oben, v.l.n.r.: Barbara Renno, Dr. Dieter Bartetzko, Gert Heidenreich, Feridun Zaimoglu, Prof. Dr. Dr. Klaas Huizing. Nachfolgend von oben nach unten: Feridun Zaimoglu, Gert Heidenreich, Dr. Dieter Bartetzko)