Der traditionelle Neujahrsempfang der AKS war auch 2013 – mit ca. 140 Gästen - wieder sehr gut besucht. Neben zahlreichen Kammermitgliedern waren wichtige Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Kultur und Verbänden der Einladung gefolgt. Diesjähriger Gastredner war Bildungs- und Kulturminister Ulrich Commerçon.
Im Mittelpunkt der Neujahrsrede von Kammerpräsident Prof. Heiko Lukas stand die baukulturelle Identität des Saarlandes. Gemeinsam mit Vizepräsident Willi Latz habe er in zahlreichen Gesprächen deutlich machen können, wie wichtig es sei, diese zu wahren und weiterzuentwickeln. „Um die reiche Baukultur des Saarlandes vor fortwährenden Entstellungen zu schützen, reicht es aber nicht, sich nur zu empören. Baukultur ist ein großes Projekt, nicht zuletzt für die Zukunft und Erhaltung des Landes." Baukultur habe einen hohen Mehrwert! Mit ihr werde die Wohn– und Lebensqualität gesteigert, die regionale Identität des Saarlandes gewahrt und gepflegt, die wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere beim Tourismus, gefördert und nicht zuletzt die Profilierung des Saarlandes im Wettbewerb mit anderen Regionen gestärkt.
Lukas nahm Bezug auf die diesjährige Neujahrsrede von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, die ihre Vision für das Saarland in 30 Jahren formuliert hatte. „Schließen wir uns dem an und übertragen unsere gemeinsamen Ziele auf die Baukultur", appellierte er und fragte: „Wie sehen dann im Jahr 2043 unsere Ortskerne und Städte aus? Materialvielfalt, Maßstabslosigkeit, schrille Farben, entstellende Anbauten und Leerstände sind verschwunden! Der Niedergang bestehender Ortskerne ist gestoppt." Er appellierte vor dem Hintergrund dieser Vision an alle, sich der gemeinsamen Aufgabe zu stellen, die Baukultur zu fördern. Neben Stadt- und Landschaftsplanern, Innenarchitekten und Architekten sei das Engagement vieler weiterer Mitstreiter nötig:
- Bürgermeister, die Baumaßnahmen in ihrem Verantwortungsbereich anspruchsvoll und kritisch begleiten
- Bürger, die sich ihrer Verantwortung als Bauherren bewusst sind.
- Politiker, die die Einsicht und den Willen haben, das baukulturelle Erbe zu wahren und die qualitätvolle Weiterentwicklung zu unterstützen.
„Nur schöne Worte reichen nicht!" Insbesondere den öffentlichen Bauherren komme eine zentrale Bedeutung zu.
Der Baukulturbericht des Bundeskanzleramtes 2011 der Bundesrepublik Österreich beschreibe, wie Baukultur befördert werden könne. Der Baukulturbericht fordere Prioritäten: Den Ausbau der Förderung von Bauberatung und interdisziplinären Gestaltungsbeiräten, die Einrichtung von Kompetenzzentren für die Baukultur, die Bindung der öffentlichen Förderungen an transparente Ablaufprozesse und Qualitätsstandards sowie die Aus- und Weiterbildung zum Thema „Baukultur" für Entscheidungsträger und Pädagogen. Diesen Forderungen schließe sich die Architektenkammer in vollem Umfang an. Auch in Deutschland sei ein solches politisches Bekenntnis unbedingt erforderlich!
Als Grundlage für offene Innovations- und Kommunikationsprozesse im Planungsbereich bieten sich Architektenwettbewerbe geradezu an. „Es gibt dafür im Saarland gute Ansätze, aber leider sind diese noch zu selten", betonte Lukas. Als gelungenes Beispiel für Planungsvielfalt nannte er das kürzlich durchgeführte Verfahren zur Neugestaltung der Ortsmitte in Quierschied. Auf breiter Basis sei hier ein Leitbild für die räumliche Entwicklung erarbeitet worden, das von kommunalen Vertretern wie Bürgern befürwortet werde.
Die Stadt Saarbrücken steht vor großen sozialen Herausforderungen. „Es fehlt an bezahlbarem und qualitativ hochwertigem Wohnungsbau für Durchschnittsverdiener." Die AKS spreche sich dafür aus, dass der Wohnungsbau vom Bund, aber auch vom Land finanziell stärker gefördert werde.
Wichtig sei es auch, die brach liegenden privaten, innerörtlichen Grundstücke gezielt zu entwickeln. „Gerade wegen des demografischen Wandels ist die Nachverdichtung der Innenstadt immer besser als eine weitere Zersiedelung der Landschaft", bekräftigte er. Hier seien alle saarländischen Kommunen angesprochen.
Städtebauliche Wettbewerbe und Beteiligungsverfahren der Bürger sollten allen Projekten vorangehen. Eine hohe Transparenz der einzelnen Planungsschritte sei geboten.
Als die größten Herausforderungen in der Architektur, Bauwirtschaft und Baukultur bezeichnete Lukas die Themen Energie und Demografie. Hier seien Städte und Gemeinden einem großen Veränderungsdruck ausgesetzt. Nicht jede altengerechte Wohnung müsse DIN-gerecht und barrierefrei sein, ganz wesentlich komme es aber auf das Wohnumfeld an! Nur wenige ältere Menschen wollten in Altenheimen leben. Die meisten wünschten sich eine helle Wohnung mit Balkon in einem Wohnquartiere.
Große Sorge bereite der AKS die Tatsache, dass oftmals bei öffentlichen Baumaßnahmen viele regionale Büros von vornherein ausge-grenzt seien. Ursache seien überzogene Bewerbungshürden. Regionale, insbesondere kleinere und neu gegründete Büros erhielten zunehmend weniger Chancen, sich um öffentliche Planungsaufträge - auch außerhalb des Saarlandes - zu bewerben. „Wir wünschen uns, dass in die Förderrichtlinien des Landes die Verpflichtung aufgenommen wird, dass die Vergabe von Landesmitteln an transparente Ablaufprozesse und Qualität gebunden wird."
Lukas endete mit einem Appell: „Wir alle brauchen den Mut, auch neue und mitunter unbequeme Wege zu gehen. Wir Architekten haben den Mut zu Veränderungen." Einen Dank für die konstruktive Mitarbeit richtete er an alle engagierten Mitstreiter des Vorstandes, der Geschäftsstelle, an die Vertrauensarchitekten sowie weitere ehrenamtlich Tätige.
Kultur- und Bildungsminister Commerçon ging in seinem Vortrag insbesondere auf die zahlreichen Berührungspunkte seiner Ministerien mit der Architektenkammer ein.
Die größten Baustellen seien zurzeit die Neubauten der Inneren Medizin und Physiologie in Homburg, die Sanierung des Finanzamtes in Saarlouis sowie die Sanierung des Hochhauses der HTW in Saarbrücken. Der Schwerpunkt des öffentlichen Baugeschehens liege in der Sanierung und Bestandsplanung. Gute Architektur müsse Wohlbefinden vermitteln, Hilfestellung, Orientierung und Halt geben. Stets müsse dabei das Zusammenwirken der Gebäude im Blick sein. „Bauwerke müssen eine identitätsstiftende Funktion übernehmen, Bauwerke müssen Heimat geben", unterstrich er. Die AKS habe ihre Aufgabe, die Belange der Baukultur wahrzunehmen, immer hervorragend ausgeführt.
Weitere Berührungspunkte sah Commerçon beim Bauen im Bestand und insbesondere beim Bauen an denkmalgeschützten Gebäuden. Er lobte die privaten Investitionen in die Alte Post in Saarbrücken, wodurch eine zusammenhängenden Unterbringung des Kultusministeriums und eine entspanntere räumliche Situation möglich, ein städtebauliches Problem an herausgehobener Stelle gelöst und die Sanierung und Sicherung eines stadtbildprägenden Denkmals erreicht werde. Der Minister begrüßte ausdrücklich, dass der Denkmalschutz nunmehr dem Kulturministerium zugeordnet sei. Gemeinsam mit dem französischen Generalkonsul Frédéric Joureau habe er das Kultusministerium als Veranstaltungsort für den Empfang anlässlich des Elysée-Jahrs am 14. Juli vorgeschlagen. Man sei sich dessen hoher Bedeutung bewusst und wolle seiner Verantwortung gerecht werden.
Commerçon lobte ausdrücklich die Initiative der Stiftung Baukultur – Saar und sagte eine aktive Mitarbeit in den Gremien zu. Den Gedanken einer IBA habe man aufgegriffen und werde eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe einrichten.
Kein öffentliches Gebäude sei in der Vergangenheit so in die Kritik geraten wie der Erweiterungsbau der Modernen Galerie, der sog. Vierte Pavillon. Aber: Man habe das Ziel, den Bau zu einem guten Ende zu führen; wohlgemerkt zu einem guten, nicht zu einem schnellen Ende. „Wir brauchen dieses Haus für die Kunst", bekräftigte er. In diesem Zusammenhang dankte er Herrn Prof. Lukas persönlich für seine konstruktive und engagierte Unterstützung im Kuratorium der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz und in der „Lenkungsgruppe".
Zum Abschluss kam Commerçon auf die Architekturtheorie des römischen Architekten Vitruv zu sprechen, der seine Hauptanforderungen an die Baukunst im 1. Jahrhundert v. Chr. wie folgt formulierte: firmitas (Festigkeit) – utilitas (Nützlichkeit und Funktion) - venustas (Anmut, Ästhetik). Dies seien auch heute noch Grundsätze jeden Bauens, wenn auch selbstverständlich wichtige neue Aspekte hinzugekommen seien. „Ich freue mich in diesem Sinne auf eine weitere Zusammenarbeit mit Ihnen."




